Abendessen wäre gut. Weil man ja nicht weiß, ob in der Nähe noch was auf hat. Also ‘n Supermarkt, ‘n Restaurant, ‘n Imbiss. Abendessen ist kein Problem. Schreibt Wiebke Brinkmann-Roitsch. Wie es denn so mit Pizza wäre? Pizza geht immer. Wissen wir. Die Pizza, die wir einen Tag später serviert bekommen, geht nicht. Sondern ist: himmlisch. Aber dazu später.
Wir reisen nach Lage zum Bio Hof Brinkmann. Hier stehen zwei, oder besser: gleich vier ehemalige Bauwagen, die, wie Wiebke Brinkmann-Roitsch erzählt, ihr Vater gefunden habe. Bei Nachbarn. In Vergessenheit geraten, verwahrlost, zu nicht mehr viel nutze. Dachten zumindest die Nachbarn. Der ältere Herr Brinkmann sah das anders, setzte sein charmantes Lächeln auf, diskutierte, argumentierte und erntete am Ende ein: Okay, dann nimm sie doch mit.
Was er damit machen wollte? Erst einmal blieb die Frage unbeantwortet. Dass er damit etwas machen wollte, war aber klar.
Also suchte er in seinem Keller, in der Scheune, fand uralte Fenster aus Tropenholz, suchte und fand weiter und am Ende entstand aus dem sehr alten, ersten Bauwagen etwas, das man heute Upsizing nennen würde. Also ein Bauwagen, der zum Wohnwagen wurde. Einmal vom Renovierungsfieber gepackt, wurden die Kreise, die er zog, größer. Und die Fundstücke häufiger. Heute stehen auf dem Bio Hof Brinkmann in Lage zwei Bauwagen-Duos. Jeweils einer zum Wohnen und einer als WC- und Duschwagen. All das: maximal ökologisch. Also mit einer Komposttoilette, bei der der Nutzer merkt: Wir sind schon sehr, sehr tief eingetaucht in die Zivilisation und ebenso weit weg von der Natur.
Wir richten uns also ein, lesen die kleinen, liebevoll formulierten Hinweisschilder, sitzen draußen in der Sonne, bestaunen die riesigen Zwetschgen an den Bäumen, schauen rüber zu den vorbeitrottenden Pferden und müssen nicht lange auf das Abendessen warten. Wiebke Brinkmann-Roitsch kommt durch den traumhaften Garten zu uns, in der Hand eine riesige, runde Pizzaform, die eben noch im Holzbackofen stand und nun auf unseren Tisch wandert. Die Pizza: natürlich vegetarisch. Vor allem aber: gebacken mit Teig aus sogenanntem Ur-Korn. Das bauen sie auf dem Bio Hof Brinkmann an, alte, in Vergessenheit geratene Sorten wie etwa Emmer, das dem Pizzaboden deutlich mehr Wumms verleiht. Und wunderbar schmeckt
33 Hektar umfasst der Hof, auf dem man nicht nur im Bauwagen, sondern auch im eigenen Camper übernachten kann. Zwei Stellplätze gibt es hier, weil die deutsche Bürokratie mindestens bis vier zählt, wenn sie meint, dass da gerade ein Campingplatz entsteht und man schnell in den Vorschriften und Gesetzestexten dazu blättern müsse. Das Gros der Besucher kommt aber nicht zum Übernachten, sondern weil der Hofladen das bereithält, was es sonst kaum zu kaufen gibt. Regionales, Leckeres von den Nachbarn, aber eben auch all das, was bislang die Mutter von Wiebke Brinkmann-Roitsch in der eigenen Hof-Bäckerei aus den Urkörnern gebacken hat. Was nun von einer Bäckermeisterin übernommen wird und was uns vor allem beim Frühstück – sagen wir, wie es ist – umgehauen hat. Corona hat hier noch einmal kräftig angeschoben, immer mehr Menschen wollen sich gesünder und aus der Umgebung ernähren, wollen wissen, woher die Erdbeeren für die Marmelade, die Kühe für die Milch kommen. Irgendwann wollen sie dann sogar selbst mit anpacken, wollen spüren, wie es sich anfühlt, in der Erde zu wühlen, anzubauen, Unkraut zu jäten, zu ernten. Also entschied sich Wiebke Brinkmann-Roitsch dafür, eine Fläche für die solidarische Landwirtschaft zur Verfügung zu stellen.
Professionelle Gärtner helfen hier den Laien, das Interesse an den 60 Ernteanteilen, die man sich auch teilen kann, war und ist groß. Im kommenden Jahr sollen es 120 Genossen werden. Nimmt sich die 41-Jährige vor. Und weiß schon jetzt: Unrealistisch ist das nicht. In Kursen kann man hier auf dem Hof lernen, was man denn mit Mangold und Erbsen, Spitzkohl und Spinat alles kochen kann. Damit die Sache rund, ein echter Kreislauf wird.
Bei alledem ist man ein wenig verwundert, verwirrt, fast ein bisschen neidisch. So einfach geht das? Wirklich ökologisch, wirklich im Einklang zu leben? Der befreundete Imker hat gestern ein großes Hornissennest vorbeigebracht. Irgendwo anders war es im Weg, gefährdet. Hier aber, auf dem Bio Hof Brinkmann, sollten die riesigen Tiere doch sicher sein. Zu trinken gibt es Bier – natürlich aus Emmer gebraut. Die Milch stammt vom Hof um die Ecke, der Käse zum Frühstück auch, und die regionale Erdbeermarmelade schmeckt so gut, dass sich der neunjährige Sohn von Wiebke Brinkmann-Roitsch weigert, eine andere auch nur anzurühren.
Dass Wiebke Brinkmann-Roitsch einmal BWL studierte, erst die ganz Großen beriet, dann für ein kleineres Beratungsunternehmen die Woche über in Großstädten bei den Kunden saß, merkt man ihr heute nicht mehr an. Irgendwann war es auch gut. Mit der Reiserei, mit dem, was sie irgendwie nicht ausfüllte. Also zurück auf den Hof. Zurück zu den Wurzeln. Heute? Ist diese maximale Kehrtwende auch für sie kaum noch vorstellbar. Aber jetzt? Fühlt sie sich wohl. Auch wenn die Landwirtschaft gerade kein Terrain sei, in dem man sich per se wohlfühle. Denn nicht nur die Pferde hier suchen nach dem letzten Millimeter Gras, traben über trockenen, staubenden Boden. Der zweite Heu-Schnitt? Abgehakt. Sagt Wiebke Brinkmann-Roitsch. Zu trocken, zu sonnig, das wird nichts. Also zurück zu einer Landwirtschaft, die damit umgehen kann. Die Hecken auf den Feldern vorsieht, die Feuchtigkeit speichern und dafür sorgen, dass das Regenwasser nicht zu schnell abfließt. Geplant sei das längst, die Nachbarn müssten noch überredet werden, dann aber werde umgesetzt. Sagt Wiebke Brinkmann-Roitsch. Und es klingt nicht danach, als sei das noch diskutabel.
Den Klimawandel? Spürst du zuerst in der Landwirtschaft. Da ist sie sich sicher. Und so idyllisch es auch auf dem Bio Hof Brinkmann ist, so von der Welt entrückt, so nah ist man dort doch dran, an der Veränderung, an dem, was wir lange nicht wahrhaben wollten und jetzt sowas von wahr vor uns haben.
Wer hierher kommt, wer in die Pizza aus Urkorn beißt, den riesigen Hornissen zuschaut, wie sie friedlich und tief brummend vorbeifliegen, wer die Staubwolken an den Pferdehufen aufsteigen sieht und müde ins Bauwagenbett fällt, der weiß: Es muss sich dringend etwas ändern. Und das kann sogar sehr, sehr schön sein. ̈̈
Abendessen wäre gut. Weil man ja nicht weiß, ob in der Nähe noch was auf hat. Also ‘n Supermarkt, ‘n Restaurant, ‘n Imbiss. Abendessen ist kein Problem. Schreibt Wiebke Brinkmann-Roitsch. Wie es denn so mit Pizza wäre? Pizza geht immer. Wissen wir. Die Pizza, die wir einen Tag später serviert bekommen, geht nicht. Sondern ist: himmlisch. Aber dazu später.
Wir reisen nach Lage zum Bio Hof Brinkmann. Hier stehen zwei, oder besser: gleich vier ehemalige Bauwagen, die, wie Wiebke Brinkmann-Roitsch erzählt, ihr Vater gefunden habe. Bei Nachbarn. In Vergessenheit geraten, verwahrlost, zu nicht mehr viel nutze. Dachten zumindest die Nachbarn. Der ältere Herr Brinkmann sah das anders, setzte sein charmantes Lächeln auf, diskutierte, argumentierte und erntete am Ende ein: Okay, dann nimm sie doch mit.
Was er damit machen wollte? Erst einmal blieb die Frage unbeantwortet. Dass er damit etwas machen wollte, war aber klar.
Also suchte er in seinem Keller, in der Scheune, fand uralte Fenster aus Tropenholz, suchte und fand weiter und am Ende entstand aus dem sehr alten, ersten Bauwagen etwas, das man heute Upsizing nennen würde. Also ein Bauwagen, der zum Wohnwagen wurde. Einmal vom Renovierungsfieber gepackt, wurden die Kreise, die er zog, größer. Und die Fundstücke häufiger. Heute stehen auf dem Bio Hof Brinkmann in Lage zwei Bauwagen-Duos. Jeweils einer zum Wohnen und einer als WC- und Duschwagen. All das: maximal ökologisch. Also mit einer Komposttoilette, bei der der Nutzer merkt: Wir sind schon sehr, sehr tief eingetaucht in die Zivilisation und ebenso weit weg von der Natur.
Wir richten uns also ein, lesen die kleinen, liebevoll formulierten Hinweisschilder, sitzen draußen in der Sonne, bestaunen die riesigen Zwetschgen an den Bäumen, schauen rüber zu den vorbeitrottenden Pferden und müssen nicht lange auf das Abendessen warten. Wiebke Brinkmann-Roitsch kommt durch den traumhaften Garten zu uns, in der Hand eine riesige, runde Pizzaform, die eben noch im Holzbackofen stand und nun auf unseren Tisch wandert. Die Pizza: natürlich vegetarisch. Vor allem aber: gebacken mit Teig aus sogenanntem Ur-Korn. Das bauen sie auf dem Bio Hof Brinkmann an, alte, in Vergessenheit geratene Sorten wie etwa Emmer, das dem Pizzaboden deutlich mehr Wumms verleiht. Und wunderbar schmeckt
33 Hektar umfasst der Hof, auf dem man nicht nur im Bauwagen, sondern auch im eigenen Camper übernachten kann. Zwei Stellplätze gibt es hier, weil die deutsche Bürokratie mindestens bis vier zählt, wenn sie meint, dass da gerade ein Campingplatz entsteht und man schnell in den Vorschriften und Gesetzestexten dazu blättern müsse. Das Gros der Besucher kommt aber nicht zum Übernachten, sondern weil der Hofladen das bereithält, was es sonst kaum zu kaufen gibt. Regionales, Leckeres von den Nachbarn, aber eben auch all das, was bislang die Mutter von Wiebke Brinkmann-Roitsch in der eigenen Hof-Bäckerei aus den Urkörnern gebacken hat. Was nun von einer Bäckermeisterin übernommen wird und was uns vor allem beim Frühstück – sagen wir, wie es ist – umgehauen hat. Corona hat hier noch einmal kräftig angeschoben, immer mehr Menschen wollen sich gesünder und aus der Umgebung ernähren, wollen wissen, woher die Erdbeeren für die Marmelade, die Kühe für die Milch kommen. Irgendwann wollen sie dann sogar selbst mit anpacken, wollen spüren, wie es sich anfühlt, in der Erde zu wühlen, anzubauen, Unkraut zu jäten, zu ernten. Also entschied sich Wiebke Brinkmann-Roitsch dafür, eine Fläche für die solidarische Landwirtschaft zur Verfügung zu stellen.
Professionelle Gärtner helfen hier den Laien, das Interesse an den 60 Ernteanteilen, die man sich auch teilen kann, war und ist groß. Im kommenden Jahr sollen es 120 Genossen werden. Nimmt sich die 41-Jährige vor. Und weiß schon jetzt: Unrealistisch ist das nicht. In Kursen kann man hier auf dem Hof lernen, was man denn mit Mangold und Erbsen, Spitzkohl und Spinat alles kochen kann. Damit die Sache rund, ein echter Kreislauf wird.
Bei alledem ist man ein wenig verwundert, verwirrt, fast ein bisschen neidisch. So einfach geht das? Wirklich ökologisch, wirklich im Einklang zu leben? Der befreundete Imker hat gestern ein großes Hornissennest vorbeigebracht. Irgendwo anders war es im Weg, gefährdet. Hier aber, auf dem Bio Hof Brinkmann, sollten die riesigen Tiere doch sicher sein. Zu trinken gibt es Bier – natürlich aus Emmer gebraut. Die Milch stammt vom Hof um die Ecke, der Käse zum Frühstück auch, und die regionale Erdbeermarmelade schmeckt so gut, dass sich der neunjährige Sohn von Wiebke Brinkmann-Roitsch weigert, eine andere auch nur anzurühren.
Dass Wiebke Brinkmann-Roitsch einmal BWL studierte, erst die ganz Großen beriet, dann für ein kleineres Beratungsunternehmen die Woche über in Großstädten bei den Kunden saß, merkt man ihr heute nicht mehr an. Irgendwann war es auch gut. Mit der Reiserei, mit dem, was sie irgendwie nicht ausfüllte. Also zurück auf den Hof. Zurück zu den Wurzeln. Heute? Ist diese maximale Kehrtwende auch für sie kaum noch vorstellbar. Aber jetzt? Fühlt sie sich wohl. Auch wenn die Landwirtschaft gerade kein Terrain sei, in dem man sich per se wohlfühle. Denn nicht nur die Pferde hier suchen nach dem letzten Millimeter Gras, traben über trockenen, staubenden Boden. Der zweite Heu-Schnitt? Abgehakt. Sagt Wiebke Brinkmann-Roitsch. Zu trocken, zu sonnig, das wird nichts. Also zurück zu einer Landwirtschaft, die damit umgehen kann. Die Hecken auf den Feldern vorsieht, die Feuchtigkeit speichern und dafür sorgen, dass das Regenwasser nicht zu schnell abfließt. Geplant sei das längst, die Nachbarn müssten noch überredet werden, dann aber werde umgesetzt. Sagt Wiebke Brinkmann-Roitsch. Und es klingt nicht danach, als sei das noch diskutabel.
Den Klimawandel? Spürst du zuerst in der Landwirtschaft. Da ist sie sich sicher. Und so idyllisch es auch auf dem Bio Hof Brinkmann ist, so von der Welt entrückt, so nah ist man dort doch dran, an der Veränderung, an dem, was wir lange nicht wahrhaben wollten und jetzt sowas von wahr vor uns haben.
Wer hierher kommt, wer in die Pizza aus Urkorn beißt, den riesigen Hornissen zuschaut, wie sie friedlich und tief brummend vorbeifliegen, wer die Staubwolken an den Pferdehufen aufsteigen sieht und müde ins Bauwagenbett fällt, der weiß: Es muss sich dringend etwas ändern. Und das kann sogar sehr, sehr schön sein. ̈̈
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