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Ein Profi gibt Tipps zur Berufswahl

Berufsberater Tobias König im Interview

Tobias König ist für die da, die nicht wissen, was sie beruflich machen sollen. Und auch für die, die längst einen Plan für ihren beruflichen Werdegang haben. Wie man den bekommt? Erzählt der Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit und Berater für akademische Berufe im Interview.

Engagiert im Gespräch: Tobias König.

Tobias König ist für die da, die nicht wissen, was sie beruflich machen sollen. Und auch für die, die längst einen Plan für ihren beruflichen Werdegang haben. Wie man den bekommt? Erzählt der Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit und Berater für akademische Berufe im Interview.

Herr König, ist es eigentlich heute schwerer geworden, sich beruflich zu orientieren?

Tobias König: Ich denke schon. Die Auswahl ist einfach riesig und wächst und wächst. Wir sprechen heute von rund 10.000 verschiedenen Studiengängen, aus denen ich auswählen kann. Wer soll da den Überblick behalten? Dazu kommen noch 326 duale Ausbildungen und viele schulische Möglichkeiten. Ich kann ganz oft die freudestrahlende Auskunft geben: du hast die volle Auswahl. Aber für viele klingt das eher wie ein großes Dilemma. Deshalb ist unsere Aufgabe als Berater die Frage zu beantworten: Wie geht entscheiden?

Wie kommen denn die jungen Menschen zu Ihnen? Sind sie komplett beruflich orientierungslos, oder haben sie schon eine grundlegende Idee?

Tobias König: Die meisten haben eine Idee – viel wichtiger ist aber: Alle tragen die Lösung schon in sich. Mein Job ist es, genau diese Lösung in Gesprächen, mit Fragen herauszukitzeln.

Ist ein Grund für die Orientierungs losigkeit auch, dass die Schulabgänger immer jünger werden?

Tobias König: Es ist natürlich so, dass die, die vor der Berufswahl stehen, immer jünger werden. Durch G8 ist die Entscheidung vorgezogen worden. Heute steigt die Anzahl der Abiturienten, die noch keine 17 Jahre alt sind. Auf der anderen Seite gibt es viele junge Menschen, die sich diese Zeit, dieses Jahr wieder zurückholen und nicht direkt in den Beruf starten.

Und ist es richtig, sich die Zeit zu nehmen, etwas ganz anderes zu machen?

Tobias König: Das kommt immer auf den Typ Mensch an. Es gibt auch heute noch Jugendliche, die wissen: Ich will Arzt werden und tue etwas dafür. Warum soll ich da die Pausetaste drücken, warum nicht direkt loslegen? Andererseits kann ein längeres Praktikum, kann ein Auslandsaufenthalt wichtige Erkenntnisse bringen. Ich rate aber auf jeden Fall dazu, die Zeit wirklich aktiv zu nutzen, sich nicht treiben zu lassen.

Kommen auch junge Menschen zu Ihnen, die Bestätigung suchen, die eigentlich ihre Wahl längst getroffen haben?

Tobias König: Ja, klar. Auch das gibt es. Hier geht es meist um andere Fragen. Kann ich das bestehen? Allein die Frage: Was muss ich in welcher Reihenfolge machen, können viele nicht beantworten. Und ganz ehrlich: Woher sollen sie das auch wissen? Wie geht überhaupt eine Bewerbung an einer Hochschule? Wir gehen da als Beraterteam sehr individuell vor – so wie die Berufswahl an sich eben auch sehr individuell ist. Basis dafür ist immer Vertrauen. Um das aufzubauen, fragen wir immer sehr viel nach – was nicht nur an unserer Neugierde liegt. Nur wenn ich viel über jemanden weiß, kann ich ihn auch richtig beraten.

Wie häufig kann oder darf man eigentlich zu Ihnen in die Beratung kommen?

Tobias König: Sie dürfen tatsächlich so oft und so häufig zu mir kommen, wie Sie wollen. Da gibt es keinerlei Beschränkungen.

Und wie bekomme ich einen Termin bei Ihnen?

Tobias König: Bei den Schülerinnen und Schülern in Bünde ist das ganz einfach. Ich bin etwa einmal die Woche in jedem Gymnasium vor Ort. Da buchen sich die Schülerinnen und Schüler einfach über die Schulsoftware einen Termin.

Buchen wirklich die Schülerinnen und Schüler, oder stehen da im Hintergrund doch eher die Eltern und schieben etwas an?

Tobias König: Das ist unterschiedlich. Bei Jüngeren sind es bestimmt häufiger die Eltern, die dafür sorgen, dass die Kinder zu mir kommen. Bei den Älteren ist das anders, die wissen, dass bald eine Entscheidung ansteht und nutzen dann unser Angebot.

Und werden Sie, wenn Sie in den Schulen sind, als „Mann vom Amt “ gesehen?

Tobias König: Nein, ich bin eher Teil der Schule. Aber natürlich wissen die Jugendlichen auch, wer mein Arbeitgeber ist.

Vor Jahren sprach man ja von der Generation Praktikum. Halten Sie es heute noch für sinnvoll, Praktika zu machen, um dem Berufswunsch näherzukommen?

Tobias König: Auf jeden Fall. Ich nutze hier immer gerne als Vergleich den Einkaufsbummel. Ich gehe erst in ein Geschäft, sondiere die Lage, gehe etwas dichter ran, betrachte, fasse an, verschwinde mit dem Teil der Wahl in der Umkleidekabine. Und Letzteres ist das Praktikum. Da bekommt der Spruch „Ich schlüpfe da mal rein“ eine ganz neue Bedeutung. Beim Praktikum geht es doch auch um die Frage: Wie fühle ich mich? Aber man sollte bei der Beantwortung aufpassen, dass man die Dinge trifft. Das eine ist der Beruf, das andere sind der konkrete Arbeitgeber, die Kollegen. Je älter man ist, desto besser kann man hier abstrahieren.

Wenn ich jetzt wirklich noch offen für alles bin, wenn ich wirklich noch keine Entscheidung getroffen habe, wie starten Sie dann mit mir in der Beratung?

Tobias König: Dann frage ich erst einmal, was Sie in der Schule gemacht haben, um sich dem Thema zu nähern. Wie waren Ihre Erfahrungen bei den Berufsfelderkundungstagen, wie beim Girls / Boys Day, beim Sozialpraktikum? Man muss da nicht nur Treffer gelandet haben. Gut ist auch, wenn man sagen kann: Das ist nicht meins, das will ich nicht. Danach steige ich im Bereich Studium über studienwahl.de ein. Da hilft dann das Ausschlussprinzip. Es gibt insgesamt elf Studienbereiche, 88 Studienfelder. Wenn man da Entscheidungen visualisiert, wenn man klassische Pro- und Kontralisten erstellt, dann kommen wir gemeinsam zügig weiter.

Gibt es auch den Fall, dass jemand schon genau weiß, was er will, sie aber merken: So richtig passen tut das nicht?

Tobias König: Auch das gibt es. Und von mir gibt es auch dann immer eine ehrliche Einschätzung. Wichtig zu wissen ist aber auch: Ich treffe keine Berufswahlentscheidung. Gerade gestern hatte ich hier ein Mädchen, das wollte unbedingt Flugbegleiterin werden – allerdings hat sie eine Fehlsichtigkeit von mehr als fünf Dioptrien und fällt damit für eine Ausbildung bei der Lufthansa aus. Das muss man direkt ansprechen. Und gleichzeitig überlegen, ob sie sich für die Erfüllung des Traums die Augen lasern lässt – in der Hoffnung, dass sie dann einen Ausbildungsplatz bekommt. Darüber muss man reden, aber die Entscheidung selbst kann ich nicht treffen.

Wie sieht es mit einem beruflichen Plan B aus? Sollte man den immer in der Tasche haben?

Tobias König: Ja, wenn ich einen Plan B wirklich brauche. Wenn ich aber zum Beispiel etwas zulassungsfreies in Bielefeld studieren will, dann brauche ich den nicht. Wenn ich mich beworben habe, rechtzeitig die Studiengebühr überwiesen habe, kann nichts schiefgehen. Da brauche ich dann keinen Plan B. Und ganz ehrlich: Dann habe ich dafür doch auch nicht den Kopf frei, um mich ernsthaft mit einer Alternative zu beschäftigen. Ich kann dann maximal dazu raten, etwas für die Überbrückung zu suchen, was demjenigen Spaß macht. Wichtig für uns Berater ist, dass man sich in die Rolle seines Gegenübers versetzt. Wenn ich mit meinem Traum zu jemandem komme, der realistisch wahr werden kann, dann brauche ich doch niemanden als Gegenüber, der noch sicherheitsrelevanter denkt. Da würde man sich doch selbst auch nicht mit beschäftigen. Einer meiner liebsten Sätze in der Beratung ist: Bitte setzen Sie im Kopf die Schere noch nicht an. Wer sagt denn, dass man nur zum Ziel kommt, wenn man über die Autobahn fährt? Es gibt immer verschiedene Wege. Nicht jeder, der Medizin studiert, hat ein Einser-Abi. Da gibt es immer Alternativen. Und nicht direkt den Plan B.

Wenn wir schon bei den Überbrückungszeiten sind, lässt man sich hier auch mal treiben, oder nutzt man auch die besser zielgerichtet?

Tobias König: Ich rate immer dazu, etwas Sinnvolles zu tun. Etwa die Arbeit als Au-pair, Work and Travel, einen Freiwilligendienst im Ausland. Und es muss nichts mit meiner Arbeit, meinem Berufswunsch zu tun haben. Wenn ich etwa Gräber bei Aktion Sühnezeichen pflege, dann lässt mich das nicht zum Gärtner werden – aber es lässt mich menschlich reifen. Und darum sollte es auch in der Überbrückungszeit gehen. Bei Abiturienten ist die Quote derer, die so etwas machen, ja sehr hoch. Da gewinnt man vollkommen andere Eindrücke, da läuft das Leben nicht mehr in 45-Minuten-Blöcken ab, da wird Gelerntes nicht mit einer Arbeit abgefragt. Das ist wichtig und spannend, auch so etwas kennenzulernen.

Kommen zu Ihnen eigentlich auch Studienabbrecher und -wechsler?

Tobias König: Wir haben deutschlandweit eine relativ konstante Zahl von 30 % Studiengangswechslern und -abbrechern. In dieser Statistik ist aber auch der erfasst, der etwa von Wirtschaftswissenschaften an der Uni zu BWL an der FH wechselt. Und selbstverständlich bieten wir auch diesen jungen Menschen unsere Beratungsleistung an.

Kommt jemand zu Ihnen und sagt: Ich studiere schon, habe aber meine Zweifel, ob es das Richtige ist – was raten Sie dann?

Tobias König: Das kommt drauf an, wie groß der Leidensdruck ist. Ich habe junge Menschen erlebt, die sonntagsabends Magenkrämpfe bekommen haben, weil sie an ihren Studienort zurückfahren mussten. Da muss man schlicht und ergreifend die Reißleine ziehen. Wichtig ist, dass man die Gründe herausarbeitet, dass die Reflexion da ist, dass man mit den so gewonnenen Erkenntnissen auf eine neue Suche geht.

Ist so etwas jungen Menschen heute peinlich – oder ist es bei der hohen Gesamtanzahl eher normal?

Tobias König: Es kommt drauf an, wie Sie das vorgelebt bekommen. Es gibt das Szenario, dass solche Fehlschläge als Drama im Elternhaus angesehen werden. Andere Eltern fragen eher: Wo ist das Problem? Ich finde, es ist eine persönliche Stärke zu sagen: Das ist hier nicht das Richtige, aus folgenden Gründen. Und jetzt setze ich mich hin und ziehe meine Schlüsse daraus. Ich erzähle dann gerne, wie ich selbst zu meinem Beruf gekommen bin. Ich bin Wirtschaftsjurist, aus mir sollte ein Steuerberater werden. Nur um meine Ausfallzeiten für die Rente dokumentieren zu lassen, bin ich zur Agentur für Arbeit gegangen. Und da wurde mir dann unter anderem auch ein Einstieg bei der Arbeitsagentur vorgeschlagen. Die Agentur für Arbeit als Arbeitgeber für mich hatte ich bis dahin übrigens gar nicht auf dem Schirm gehabt.

Wenn man heute die Medien liest, dann heißt es immer: Diese Berufe sind gesucht, andere dagegen gar nicht. Gehen Sie auf solche saisonalen Änderungen und Schwankungen ein?

Tobias König: Niemand kann mir heute sagen, was in fünf Jahren auf dem Arbeitsmarkt los sein wird – das konnte übrigens auch früher niemand. Der Klassiker ist ja, dass wir jetzt überall lesen, dass Grundschullehrer fehlen. Die fehlen aber jetzt. Wenn ich aber drei Jahre für den Bachelor, zwei Jahre für den Master benötige und dann in eine 18-monatige Referendariatszeit gehe, dann komme ich sieben Jahre später auf den Markt. Bis dahin sind zig Quereinsteiger nachgezogen, wurden ganz sicher andere Lösungen gefunden – und diesen Menschen kündigt man nicht, nur weil jetzt viele Absolventen fertig sind. Man muss es sich doch mal so vorstellen: Wenn ich heute allein aus dieser Nachfrageüberlegung heraus einen Studiengang ergreifen würde, der heute eine gute Arbeitsmarktprognose hat, dann wäre es halbwegs erträglich, wenn ich das Studium abschließe, eine Anstellung bekomme, gutes Geld verdiene, an wenigen Tagen mit einem Lächeln zur Arbeit gehe. Aber wie schlimm wäre es, wenn sich der Arbeitsmarkt dreht und ich nur aufgrund der damaligen Prognose falsch und für mich unpassend in meine Bildung investiert habe? Das wünscht man seinem ärgsten Feind doch nicht. Ich würde nicht sagen, dass einen solche Tendenzen nicht interessieren sollten. Aber sie dürfen bitte nicht allein maßgeblich sein.

Gibt es auch echte Geheimtipp berufe, also Berufe, die man kaum oder selten im Blickfeld hat und die doch spannend sind und über Perspektive verfügen?

Tobias König: Es gibt unwahrscheinlich viele unbekannte Berufe, unter denen man auswählen kann. Kennen Sie etwa den Beruf des Modisten, des Hutmachers? Und wissen Sie, dass es sogar in Bad Salzuflen einen Betrieb gibt, der ausbildet? Oder schauen Sie sich die Fachkraft für Abwassertechnik an. Klingt nicht wirklich attraktiv, in einer Kläranlage zu arbeiten? Aber dort hat vieles mit chemischen Analysen zu tun, geht es häufig um wirklich spannende Detektivarbeit. Spannend finde ich auch die Perspektiven, die handwerkliche Berufe bieten. Ich kann da ja heute Ausbildung, Bachelor und Meister in einem machen – das gibt es sonst nirgends. Wenn ich das geschafft habe, dann bin ich top-ausgebildet. Und sehr gesucht.

Im Jahr 2026 wird es ja wegen des Wechsels zurück zu G9 keinen Abijahrgang geben. Wird sich in dem Jahr dann viel auf dem Studienmarkt verändern?

Tobias König: Genau die gleiche, oder zumindest eine ähnliche Fragestellung hatten wir ja bei dem doppelten Abijahrgang vor ein paar Jahren. Da haben wir uns sogar personell verstärkt, um perfekt vorbereitet zu sein. Gemerkt hat man die Auswirkungen aber kaum. Und ich denke, das wird 2026 ähnlich sein. Ich glaube nicht, dass sich bei den Studiengängen die NCs deutlich ändern werden. Anders ist das vielleicht, wenn es um Ausbildungsplätze geht – da werden wohl noch weniger Bewerber als bisher auf den Markt kommen.

Heute bewerben sich ja Unternehmen eher bei den jungen Menschen als andersherum. Bedeutet das auch, dass die jungen Menschen das Thema Berufswahl eher locker angehen?

Tobias König: Eher das Gegenteil ist der Fall; ich erlebe sie angespannter, wenn es um die Berufsentscheidung geht. Das liegt auch daran, dass sie heute über deutlich mehr Informationen als früher verfügen – und ihnen so schneller bewusst wird, wie groß die Auswahl eigentlich ist. Genau da setzt ja gute berufliche Beratung an: Wir zeigen Wege auf, um sich auch hier zurechtzufinden. Was übrigens das Schöne an unserem Beruf ist: Was glauben Sie, was das für ein schönes Gefühl ist, wenn man entmistet hat, das ist wie Kleiderschrankaufräumen. Ich habe am Ende den schönsten Job der Welt. Das größte Kompliment ist es, wenn nach drei Jahren das Telefon klingelt und dann sagt jemand: Ich habe jetzt meinen Bachelor fertig, können wir uns mal über das Thema Masterstudiengang unterhalten? Da weiß man, dass man die richtigen Fragen gestellt, seine Lotsenfunktion erfüllt hat. Und genau darum geht es.

Nr 11

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