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Echtes Gemüse, echtes Leben: Bio vom Feinsten in der Gärtnerei Ulenburg

Der Druck wächst

Wir haben geschmunzelt. 

Würfeln? Das macht doch niemand mehr.

Zumindest nicht, wenn man als Journalist anfragt, ob man mal vorbeikommen, mal berichten dürfe. Nette Redensart. Haben wir gedacht, als die Antwort von der Gärtnerei Ulenburg zurückkam. Ja, kannst gerne vorbeikommen. Wir würfeln nur noch aus, wer sich um dich kümmert.

Ein paar Tage später wissen wir: Die Würfel sind wirklich gefallen. Also kurz nach unserer Mail. Und haben Sebastian Mader als unseren Ansprechpartner ausgewählt. Ob es ein Hauptgewinn ist? Mal schauen. Wir fahren also quer durch Kirchlengern, eine lange Allee runter und stehen dann vor der Ulenburg auf der Grenze zwischen Löhne und Kirchlengern. Einmal um 180 Grad gedreht, und wir sehen die Gärtnerei Ulenburg, Bio-Betrieb,, Kollektiv, Gemüseanbauer, Marktbeschicker. Und bestimmt noch viel mehr. Aber all das wissen wir jetzt, wo wir hier stehen, noch gar nicht. Sebastian schaut aus einer Tür heraus. Du bist der Fotograf? Ja. Du bist Sebastian? Auch richtig. Kräftiger Händedruck, dann rüber in einen Raum, der eher einem Gewächshaus gleicht und doch irgendwie alles ist: Verwaltung, Küche, Café, Rückzugsort. Wobei die Küche an sich die, man kann das ruhig so sagen, runtergerockteste ist, die wir jemals gesehen haben. Sebastian nickt wieder. Stimmt. Und das lässt sich gut erklären. Die Menschen, die die Küche nutzen, sind sich einfach noch nicht einig, was in Zukunft daraus werden und wohin die neue Küche kommen soll.

Gemüse? Gibt es an jeder Ecke.
Bio? Ist längst ein flexibler Begriff.
Hier aber gibt es, was das Herz begehrt.
Sowas von bio, regional, lecker.

Sowas von Bio. Direkt vom Freilandfeld. Per Hand geerntet. Fällt im Salat nicht zusammen. Schmeckt Zigfach besser als beim Discounter.

Wir haben geschmunzelt. 
Würfeln? Das macht doch niemand mehr.

Zumindest nicht, wenn man als Journalist anfragt, ob man mal vorbeikommen, mal berichten dürfe. Nette Redensart. Haben wir gedacht, als die Antwort von der Gärtnerei Ulenburg zurückkam. Ja, kannst gerne vorbeikommen. Wir würfeln nur noch aus, wer sich um dich kümmert.

Ein paar Tage später wissen wir: Die Würfel sind wirklich gefallen. Also kurz nach unserer Mail. Und haben Sebastian Mader als unseren Ansprechpartner ausgewählt. Ob es ein Hauptgewinn ist? Mal schauen. Wir fahren also quer durch Kirchlengern, eine lange Allee runter und stehen dann vor der Ulenburg auf der Grenze zwischen Löhne und Kirchlengern. Einmal um 180 Grad gedreht, und wir sehen die Gärtnerei Ulenburg, Bio-Betrieb,, Kollektiv, Gemüseanbauer, Marktbeschicker. Und bestimmt noch viel mehr. Aber all das wissen wir jetzt, wo wir hier stehen, noch gar nicht. Sebastian schaut aus einer Tür heraus. Du bist der Fotograf? Ja. Du bist Sebastian? Auch richtig. Kräftiger Händedruck, dann rüber in einen Raum, der eher einem Gewächshaus gleicht und doch irgendwie alles ist: Verwaltung, Küche, Café, Rückzugsort. Wobei die Küche an sich die, man kann das ruhig so sagen, runtergerockteste ist, die wir jemals gesehen haben. Sebastian nickt wieder. Stimmt. Und das lässt sich gut erklären. Die Menschen, die die Küche nutzen, sind sich einfach noch nicht einig, was in Zukunft daraus werden und wohin die neue Küche kommen soll.

Es gibt diesen Spruch, dass der Franzose mit dem 2CV ins Drei-Sterne-Restaurant, der Deutsche mit dem Porsche zu McDonald’s fährt. Viel Wahres ist dran. Aber wer mit Sebastian aufsteht und durch die Anlage rüber ins Kühlhaus geht, der merkt schnell: Das Problem ist noch ein viel größeres. Wir stehen vor grünen Kisten voller Gemüse. Und erkennen gut die Hälfte nicht. Das ist was? Spinat. Aber eben aus dem Gewächshaus von nebenan und nicht aus dem Kühlregal, nicht aus der Plastiktüte, gar nicht so, wie man ihn kennt. Großblättrig, stabil, fremd. Und das hier? Schwarzwurzel. Nie in den Händen gehalten, wie Wurzeln aussehend und an alles erinnernd, nur nicht an Gemüse. Ein paar Meter weiter Feldsalat. Auch der: kaum wiederzuerkennen für den, der im Supermarkt die abgepackte Ware aus den Niederlanden einkauft. Beim Lebensmittelmarkt: winzig kleine Blätter, die sich fast verschreckt zusammenziehen, wenn sie mit Salatdressing in Berührung kommen. Hier, in der Kühlkammer, in unserer Hand: eine echte, ausgewachsene Pflanze. Mit großen Blättern, mit einer stabilen Struktur, der das Dressing nichts anhaben kann. Man könne eigentlich, sagt Sebastian, beides nicht miteinander vergleichen. Und doch sei es gerade der Vergleich, der Bio-Betrieben wie ihnen das Leben gerade so schwer macht.

Um all das zu verstehen, muss man ein wenig ausholen. Früher war das hier ein Ort, knappe 50 Jahre her, da wurden unter Glas und Folie Blumen für die Fensterbank gezüchtet. Später wurde ein Gemüsebetrieb daraus, seit sieben Jahren nun ist es eine Bio-Gärtnerei, organisiert als Genossenschaft mit 20 Teilhabern, die sich Kosten und Ertrag teilen. Was groß klingt und in Summe klein ist. Knappe 14 Euro zahlen sie sich pro Stunde aus – nur etwas mehr als Mindestlohn. Und das als gelernte Gärtner, als Buchhalter, als Menschen mit grünem Daumen und vollständiger Ausbildung, mit körperlicher Knochen- und jeder Menge Wochenendarbeit. Am Ende des Jahres schauen sie gemeinsam, eben als Kollektiv, ob sie sich noch einen Nachschlag gönnen, eine Gehaltserhöhung rückwirkend genehmigen können. In den letzten zwei Jahren lautete die Antwort, die sie sich selbst beim Blick auf die Zahlen geben: nein.

Das liegt nicht am hohen Lohnniveau, – wer arbeitet heute auf den Knien rutschend und vorgezogene Pflanzen in Erdpresstöpfen einpflanzend, Feldsalat erntend, schon für einen Mindestlohn? – nicht am Wetter, was in diesem Jahr zwar nass, aber gar nicht so schlecht war. Sondern an einem Mix aus allem. Daran, dass das Portemonnaie der Kunden nicht mehr so dick ist, die Discounter längst auf den Bio-Zug aufgesprungen sind und eben doch nicht regional, sondern gerne auch aus aller Herren Länder einkaufen – wo EG-Bio gilt, nicht das, was sie hier als Bioland-Betrieb leben. Die sozialen Standards? Sind da ganz andere. Und auch sonst wundert man sich, wie in Spanien Paprika das ganze Jahr über so günstig, so bio angeboten werden kann, wo doch auch diese Pflanze einem natürlichen Saisonrhythmus folgt.

All das ist hier ganz anders. Gurken? Gibt es jetzt, Anfang Dezember, nicht. Es ist halt keine Gurkenzeit. Rucola? Hat sich in diesem Sommer einen Pilz eingefangen, der ließ sich nicht verkaufen. Zikaden, Milben und andere Schädlinge machen sich über die vermeintliche Ernte her, ehe sie überhaupt per Hand geerntet, mit einer uralten Maschine gewaschen wird. All das: Musst du hinnehmen, wenn du in Bio-Qualität produzieren willst. Auf 50 angepachteten Freilandhektaren wächst, was es hier gerade in der Region, in der Saison gibt. 6.000 Quadratmeter unter Glas und Folie bieten Schutz vor der Witterung für Salate und Kräuter, für Spinat und Petersilie. 30 Prozent der Ernte gehen an den Naturkostfachhandel, der größte Teil aber fährt mit Zugmaschine und Hänger zu Wochenmärkten in Bünde, Herford, Enger, Lemgo, Bad Salzuflen, Hameln, Hannover und Bielefeld. Einen Shop? Suchst du hier vergeblich. Bio-Kisten? Packt der befreundete Betrieb um die Ecke, da wolle man sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Digitaler Vertrieb? Auch nichts, was sie hier weiterverfolgen. Sie fahren früh, sehr früh los, bauen ihren Stand gar in der niedersächsischen Landeshauptstadt auf und verkaufen nicht nur, sondern stellen unbekanntes Gemüse vor, geben Kochtipps, tauschen Rezepte mit den Kunden aus. Wer hierher, zu ihnen kommt, der kommt wegen der Qualität – und schaut doch auf den Preis. Tagesaktuell taxieren sie deshalb in der Gärtnerei die Großhandelspreise, schlagen drauf und wägen ab, rechnen hin und her und freuen sich, wenn der Feldsalat wie aktuell 26 Euro bringt – pro Kilo. Sicher, es gibt immer mehr Menschen, die sich für den vegetarischen Weg entscheiden, immer mehr junge Leute, die selbst Gemüse anbauen, wieder etwas anfangen können mit Pastinake und Co. Wenn aber auf der Supermarkt-Paprika, der Discounter-Gurke auch Bio steht, warum dann auf den Wochenmarkt gehen?

Wir bemerken gerade, erzählt Sebastian, als wir zwischen Spinat und Petersilie stehen, dass sich die Menschen am Wochenende, an Feiertagen Zeit zum Einkaufen nehmen, Geld nicht so die Rolle spielt, sie frisch kaufen, frisch kochen. Und an allen anderen Tagen genau das Gegenteil der Fall ist. Wenn eine Rote Bete heute kräftig und nicht auf den ersten Biss süß schmeckt, sind die meisten schon verwundert. Sie kennen das gar nicht mehr. Wenn die Tomate geschmacklich nicht nur an Wasser erinnert, die Möhre wirklich abgebissen werden will, wenn es der langweiligste aller Salate, der Eisbergsalat, gar nicht erst ins Portfolio der Gärtnerei Ulenburg schafft, dann muss der Verbraucher, der Kunde umdenken – und genau das fällt ihm immer schwerer

Wenn ich heute in der Schlange im Supermarkt stehe und in die Einkaufswagen vor mir schaue, kann ich nur den Kopf schütteln. Sagt Sebastian und pflückt fast zur Beruhigung ein bisschen Brunnenkresse – die gibt es in weitem Umkreis nur noch hier im Anbau. In den Einkaufswagen aber: Abgepacktes, Tiefgefrorenes, Süßes. Auf den Feldern, in den Gewächshäusern hier: Gemüse, das sie mal als Setzlinge zugekauft, mal selbst ausgesät haben. Das Wind und Wetter trotzt, in der Optik nicht immer der Norm entspricht, dafür aber auch weit überdurchschnittlich schmeckt. Was ganz krumm, schief, unverkäuflich anders ist, wandert nicht auf den Kompost, sondern in die Säcke für die Pferdeliebhaber – die in diesem Jahr bemängeln, dass etwa die Möhren so prächtig dastehen, dass sie besser in der Suppe als im Pferdetrog landen.

Frisch gewässert. Und doch aussortiert. Solche Möhren gehen als Pferdefutter raus.
Ein Griff in seltenes Gemüse. Brunnenkresse gedeiht im Gewächshaus bestens.

Ein Lachen,
zwei gründe Daumen

Einer von 20 Teilhabern der
Genossenschaft: Sebastian Mader.

Es sei, erzählt Sebastian beim Gang durch die großen, in die Jahre gekommenen Gewächshäuser, deren Renovierung aus Kostengründen vor sich hergeschoben wird, schon eine erstaunliche Entwicklung. Überall wird uns erzählt, dass wir etwas für unsere Gesundheit, für unsere Ernährung tun müssen. Hat der Apfel aber nur eine winzige Schorfstelle, ist es mit den guten Vorsätzen schon vorbei. So stemmen sie sich hier im Kollektiv, in der Gemeinschaft, gegen etwas, das kaum zu greifen ist. Geiz und Bequemlichkeit. Wer die knallorangen Möhren in die Hand nimmt, nur an ihnen riecht, der ahnt nicht nur, der weiß: Das hier, das ist echtes Gemüse. Alles andere: langweilige Massenware. Wer die Rote Bete erst in die Hand nimmt, dann aus ihr legt, schaut auf seine erdigen Hände und weiß: So muss sich das anfühlen, ehrliches Gemüse, das einem echten Feld entstammt, vom gröbsten Dreck befreit wurde. Ein Gewächshaus weiter greift eine Kollegin mit Handschuhen in eine riesige Schubkarre, schnappt sich einen großen, weiß-grün-braunen Klumpen und schneidet erst die Wurzeln, dann die Laubreste oben an der Knolle mit einem Messer ab. Was das ist, wollen wir wissen. Sellerie, antwortet Sebastian. Und wir stellen peinlich berührt fest: Wir kennen ihn nur geschnitten, geschält, gewaschen, auf Hochglanz poliert, zur Unkenntlichkeit verkommen.

Wenn man so über die kleinen Pattwege in den Gewächshäusern geht, sich die unzähligen Pflanzen anschaut, dem Gluckern des Wassers in den Rohrleitungen zuhört, dann wird einem ein wenig schwindelig. Haben wir wirklich verlernt, wie eine Möhre schmeckt, vergessen, dass Salat auch über eine herrlich bittere Note verfügen kann, nein, sollte?

Die Antwort ist eindeutig: Ja. Sagt Sebastian. Wohlwissend, dass die finanziellen Mittel begrenzt sind und sich nicht jede Idee direkt umsetzen, nicht jede sinnvolle Technik gleich anschaffen lässt. Wer die Gärtnerei verlässt, der sinniert zwangsläufig über das Leben. Traurig vielleicht, dass hier nicht noch mehr möglich ist. Schön, dass wir das ab sofort ändern können.

Es war: ein Glücksgriff. 
Und ein Glückwurf. 
Mit den Würfeln.

Winter 2024

Dieser Artikel erschien in:

Winter/2024

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