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Ein Traum aus Aluminium: Wie Jan und Susanne ihren Katamaran für die Weltmeere bauen

Leinen Los

Ein Mal hupen, ein bisschen warten, dann öffnet sich das Schloss, die schwere Kette, das große Tor – und der Weg ist frei auf einen Platz, der wie ein großer Abenteuerspielplatz wirkt. Darauf: jede Menge Boote in unterschiedlichen Bauphasen. Oder besser: jede Menge Projekte, die mal kurz vor der Fertigstellung stehen, dann eher so wirken, als sollten sie nie die Ziellinie überqueren. Ganz weit vorne, um im Bild zu bleiben: der Katamaran von Jan und Susanne.

Bewegender Moment: Die Schiffstaufe direkt am Mittellandkanal in familiärer Atmosphäre.

Ein Mal hupen, ein bisschen warten, dann öffnet sich das Schloss, die schwere Kette, das große Tor – und der Weg ist frei auf einen Platz, der wie ein großer Abenteuerspielplatz wirkt. Darauf: jede Menge Boote in unterschiedlichen Bauphasen. Oder besser: jede Menge Projekte, die mal kurz vor der Fertigstellung stehen, dann eher so wirken, als sollten sie nie die Ziellinie überqueren. Ganz weit vorne, um im Bild zu bleiben: der Katamaran von Jan und Susanne.

Angefangen haben sie hier, in Rusbend, was nach rauer, schottischer Hafenstadt klingt und doch in der Nähe von Minden einen nicht nur sprichwörtlichen Steinwurf vom Mittellandkanal entfernt liegt, vor knapp zehn Jahren. Der Plan: einen Katamaran zu bauen, der so groß ist, dass er nicht nur die beiden, sondern auch sechs Gäste beherbergen kann. Der Plan sieht auch vor: Hier bauen, dann ins Wasser setzen, raus auf die offene See, runter nach Faro in Portugal und da dann Gäste aufnehmen, mit ihnen die Flüsse, das Meer, die Welt erkunden.

Als sie vor vielen Jahren, als sich die Pläne konkretisierten, den Chefredakteur der Zeitung „Yacht“ fragten, ob das nicht eine Story für ihn wäre, winkte er ab. Menschen, die so etwas planen, gibt es viele. Menschen, die so etwas zu Ende bringen, nur sehr wenige. Was er damals nicht wusste: Die beiden haben Atlantiküberquerungen hinter sich, waren mehrere Jahre lang mit ihrem Boot Peter Pan I in der Karibik unterwegs und wissen, was es bedeutet, geduldig an einem Projekt zu arbeiten. Und es zu Ende, einem guten Ende zu bringen.

Vor zehn Jahren also sicherten sie sich hier die Stelle auf diesem Platz für Segelprojekte, der für den Laien eher nach Bootsfriedhof aussieht. Aber genau das täuscht. Unter dicken Planen versteckt sich hier Hochwertiges, Schnelles, fast Fertiges. Die Peter Pan2, so heißt folgerichtig der große Katamaran von Jan und Susanne, ist mittlerweile so riesig, dass an eine Plane nicht mehr zu denken ist. Die beiden Aluminium-Rümpfe sind geschliffen, schwarze Silikonschichten wurden als Schutz dort aufgetragen, wo später Atlantikwasser das Boot umspülen wird. Es geht eine provisorische Treppe hoch, dann eine kleine angelehnte Leiter, dann über das Heck hinein ins Innere. Hier herrscht ein wenig Chaos. Alles sieht irgendwie halb fertig aus. Zumindest für den, der es nicht besser weiß. Das große Steuerrad ist montiert, dahinter sitzt der Sessel für den Steuermann schon perfekt in Position und doch fehlen überall noch Teile, Fenster, Wände, Knöpfe, Regale, Betten, WCs und, und, und.

Zu Stirnrunzeln? Führt das bei den beiden nicht. Es ist alles im Zeitplan. Sagen sie. Ob der von Anfang an auch die rund 8.500 Arbeitsstunden umfasste, die mittlerweile auf der mitgelaufenen Uhr stehen?

Wer weiß. Und ist am Ende auch egal, denn genau das, das Ende, ist absehbar. Im Frühjahr geht es los. Da sind sich beide sicher. Wobei der Begriff Frühjahr natürlich dehnbar ist. Aber spätestens im Mai soll ein großer Autokran vorrollen, der den riesigen Katamaran erst in die Luft heben, dann ins Wasser setzen soll. Und dann geht es los. Erst mit Motorkraft nach Bremerhaven, vielleicht auch nach Emden, nach Rotterdam. Nach einigen ersten Testfahrten auf dem Mittellandkanal, versteht sich. Dann wird der 19,5 Meter hohe Mast aufgerichtet, werden die Segel gesetzt und geht es in Richtung Portugal weiter. Im Herbst wollen sie ankommen, sich umschauen, die letzten Arbeiten am Boot vornehmen, loslegen mit dem Angebot an Segeltüchtige und Unerfahrene, an Abenteurer und Wassersportliebhaber, an die, die noch Seemeilen für die Prüfung benötigen oder sich auf ihre Aufgabe als Skipper vorbereiten wollen. Drei Doppelkabinen, immer inklusive Dusche und WC, stehen dafür bereit. Noch kann man nicht buchen, aber natürlich haben Freunde und Bekannte längst Interesse bekundet, die Hand gehoben. Spannend wird es erst, wenn die abgearbeitet, mitgenommen worden sind und es gilt, immer wieder aufs Neue Interessierte, Buchende zu finden. Aber auch das: Alles eine Frage der Geduld. Und des Durchhaltevermögens.

Bis es so richtig losgehen kann, bis die ersten Passagiere an Bord gehen können, braucht es aber noch weit mehr als aufgestellte Wände, eingesetzte Fenster, fertig gelegte Leitungen. Da ist zum einen der Segelschein, der auch das Befördern von Passagieren ermöglicht. Beide, Jan und Susanne, sind im wahrsten Sinne des Wortes sturmerprobt, was das Segeln wo auch immer, bei was für Bedingungen auch immer angeht. Und doch erstaunt, wie viel es für die theoretische Prüfung auch für sie noch zu lernen gibt. Eine weitere Hürde: die Zertifizierung und Abnahme der Peter Pan2. Sie ist gebaut nach erprobten Plänen, das Schwesternschiff segelt längst. Und doch wird es vor allem für Jan, der hier jede Naht selbst geschweißt, jedes Kabel selbst gezogen hat, spannend, wenn der Mann mit der Lupe kommt und das Boot unter selbige nehmen, alles sehr genau inspizieren wird. Dann sind da noch die Segel, die gerade in Sri Lanka gefertigt werden, der bestellte Mast, der noch fehlt. Aber: All das wird sich finden.

Projekte gibt es auf dem Gelände viele – das von Susanne und Jan ist kurz vor der Fertigstellung.

Wie sich die Erfüllung eines solchen Traums finanzieren lässt? Vor allem mit Sparsamkeit. Stunden-, ach was, tagelang suchten und suchen die beiden in einschlägigen Foren nach Bauteilen. Verabschieden sich auch von dem einen oder anderen Traum, etwa den beiden faltbaren Schiffsschrauben, und entscheiden sich für die deutlich günstigere, gebrauchte Alternative.

Parallel zum Boot restaurierten die beiden dann noch drei Jahre lang ein Fachwerkhaus, das diesen Namen zum Zeitpunkt des Kaufs kaum verdiente. Erschufen ein Domizil, das ihnen als Rückzugsort, als Anker dienen soll, wenn sie von Portugal aus zurück in die Heimat fliegen werden.

Wobei Portugal nicht das Endziel sein soll. Der Sehnsuchtsort ist auch weiterhin die Karibik. Hier lagen sie viele Jahre vor Anker, segelten, steuerten zahlreiche Häfen und Inseln an, hier kennen sie sich aus. Wie lange man so ein Leben führen kann? Schulterzucken. Und Lachen. Was sollen wir uns Gedanken um das Ende machen, wenn es jetzt endlich erst einmal so richtig losgeht? Die Jobs sind bald schon Geschichte, die Zeit des Lernens bald vorbei, der Ofen auf dem Boot sorgt auch im tiefen Winter für wohlige Wärme und vor allem für die Möglichkeit, bei Minustemperaturen draußen drinnen weiterzuarbeiten.

Zum Schluss noch ein paar Zahlen: 14 Tonnen ist das Boot in Leichtbauweise schwer, 130 Quadratmeter misst die Segelfläche, 90 zusätzliche Quadratmeter das Leichtwindsegel. 15 mal 8 Meter umfasst der Grundriss der Peter Pan2, 19,5 Meter wird der Mast über dem Deck hoch in die Luft ragen, knappe 22 Meter über dem Wasserspiegel. Aber in Zahlen lässt sich all das, dieses große Abenteuer hier eh nicht fassen. Also verabschieden, zusehen, wie sich Tor, Kette, Schloss wieder hinter uns schließen. Nicht ohne Versprechen. Dass wir uns wiedersehen. Beim Ins-Wasser-setzen. Und vor allem in Portugal. Auf einem Katamaran, dessen Bau mit zwei Aluminiumplatten genau hier begann. Und der bald schon auf den Weltmeeren zuhause sein wird.

Nur noch ein paar Monate und sie legen ab.

Winter 2024

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