Gemeindebücherei! Welche Bilder fallen Ihnen bei diesem Wort ein? Denken Sie an endlos lange Bücherregale? An uralte Leseschinken, bedeckt mit einer leichten, aber unübersehbaren Staubschicht? An „Ruhe! Bitte nicht stören“-Schilder? Dass es auch komplett anders geht, beweist die Gemeindebücherei Hiddenhausen. HIER hat in den Bücherwurm-Modus geschaltet und sich auf eine Entdeckungsreise durch die örtliche Bibliothek gemacht.
Im Haus des Bürgers in Lippinghausen liegt die Gemeindebücherei etwas versteckt. Eine Treppe runter ins Souterrain, schon betreten wir die „Lesehöhle“, wo Bibliothekarin Christine Kuske uns bereits erwartet. Aus Franken hat es sie mit Zwischenstopps in München und Hamburg 1998 nach Hiddenhausen verschlagen. Seitdem ist sie Leiterin und Mastermind des lediglich dreiköpfigen Bücherei-Teams.
„Wer über Nachhaltigkeit nachdenkt, muss auch über das Thema Bücher nachdenken. Warum jedes Buch kaufen? Bücher leihen spart nicht nur Geld. Es ist auch deutlich besser für die Umwelt, weil es Ressourcen schont.“
Klein, aber oho!
„Wir sind zwar – verglichen mit Bibliotheken in Großstädten – „nur“ eine kleine Bücherei. Aber wir sehen das als klaren Vorteil. Zum einen haben wir so jede Menge Gestaltungsfreiheiten. Zum anderen hat das Thema „Online“ in den vergangenen Jahren vieles verändert. So können auch wir ein nahezu unbegrenztes Lesevergnügen bieten.“ Damit trifft Christine Kuske den Nagel auf den Kopf. War früher die Ausleihe vor Ort üblich, so ist spätestens seit der Corona-Pandemie ein guter Teil der Nutzerinnen und Nutzer verstärkt oder ganz online unterwegs. Zu den rund 28 000 Titeln im Ausleihbestand vor Ort kommen rund 93 000 e-Medien im Verbund Onleihe OWL. Lesestoff satt also für lange Winterabende und viel zu kurze Sommerferien. Unser Extra-Tipp: Leihen Sie einen e-Reader aus. Der erspart Ihnen beim nächsten Urlaub das Bücher schleppen.
Bibliothek als Wohlfühlort
Doch bei aller Digitalisierung: Auch der Typus der Vor-Ort-Lesenden kommt zu seinem Recht. „Unsere Gemeindebücherei ist nicht nur ein Raum für die Begegnung mit Büchern und Medien, sondern auch mit Menschen. Das ist Teil des Konzepts und uns allen hier auch persönlich besonders wichtig“, betont Christine Kuske. Also: Trinken Sie beim Lesen einen Kaffee. Entspannen Sie im Bluetooth-Sessel bei einem Hörbuch. Und fachsimpeln Sie mit dem Bibliotheksteam über das gerade Gelesene oder Ihr Hörbuch. Hier finden Sie immer ein offenes Ohr.
Aktualität ist angesagt
Wer die Bibliothek regelmäßig nutzt, weiß es längst: Ob aktuelle BookTok-Titel oder neue Tonies, ob Ratgeber, Preisgekröntes, Bestsellerromane der Spiegel Liste oder schöne Brettspiele, Christine Kuske ist ständig auf Einkaufstour. Rund 2000 Neuzugänge sind es pro Jahr. Auch gezielte Wünsche von Nutzerinnen und Nutzern werden immer wieder berücksichtigt.
Viel mehr als „nur“ Bücher
Doch der Büchereiausweis ist nicht nur die Eintrittskarte in eine faszinierende Bücher- und Zeitschriftenwelt. Ebenfalls in der Mitgliedschaft enthalten ist das werbefreie, auch als App nutzbare Filmportal Filmfriend mit über 5000 Arthouse Filmen, Serien, Kinderfilmen. Dasselbe gilt für die App Freegal® Music+, die Musik-Streaming und Downloads von 18 Millionen Titeln aus allen Genres umfasst – auch Kinderhörspiele und Playlists. Online macht’s eben möglich.
Langsam wird immer klarer, was sich alles hinter dem Begriff „Gemeindebücherei“ verbirgt. Doch ein wichtiger Baustein fehlt noch. „Begeisterung für das Lesen muss man so früh wie möglich wecken. Nur dann hält sie ein Leben lang“, weiß Christine Kuske aus langjähriger Erfahrung. Entsprechend bilden die Angebote für Kinder und Jugendliche einen Schwerpunkt der Bibliothek. Sie reichen vom SommerLeseClub bis zum „ins Buch zaubern“ beim Greenscreen-Fotoshooting. Sie werden von den Kids und ihren Eltern gerne und oft genutzt.
„Lesen darf kein Privileg sein. Eine zentrale Aufgabe einer Bibliothek ist es, auch Menschen mit weniger Geld den Zugang zu Büchern – und natürlich auch zu anderen Medien – zu eröffnen.“
Für viele dieser Kinder ist der Besuch in der Gemeindebücherei die erste intensive Begegnung mit Medien und Technik aller Art. Damit diese Begegnung die erwünschte prägende Wirkung zeigt, setzt das Bibliotheksteam mehr denn je auf Veranstaltungen. Zum Beispiel durch regelmäßige Bibliothekseinführungen, aber auch in der Bilderbuchzeit für Kinder ab vier Jahren oder beim Kindertheater. Talente dürfen sich ausprobieren: Für Jugendliche gibt es eine Schreibwerkstatt, den Kulturrucksack und Workshops mit Studierenden der Uni Paderborn im Projekt MINT4.OWL. Hier werden die Kids spielerisch an Roboter aller Art, an 3D-Druck und KI herangeführt. Die Bibliothek als Erfahrungsraum also!
Erfahrungsraum auch für Erwachsene
Aber auch für Erwachsene tut sich regelmäßig vieles in den Räumen der Bibliothek. Das Angebot reicht vom VHS-Vortrag über eine regelmäßige Berufsberatung bis zur Handy-Sprechstunde für Seniorinnen und Senioren. Insgesamt kamen so 2023 rund 180 Veranstaltungen zusammen, wenn man auch das Büchertaxi mit einrechnet, das immer montags die Hiddenhauser Schulen besucht. Eine stolze Zahl.
Und wie stemmt das kleine Bibliotheks-Team das alles? „Alle hier sind mit viel Herzblut bei der Sache und mit einem Engagement, das weit über das übliche Maß hinausgeht. Dafür kann ich meinem Team – und natürlich auch unseren zahlreichen Kooperationspartnern – nicht oft genug Danke sagen. Aber es ist ja auch eine wundervolle Aufgabe, Menschen und Medien zusammenzubringen “, gibt Christine Kuske uns abschließend mit auf den Weg.
Sprach’s, begleitete uns zur Tür und war schon wieder zwischen den Bücherregalen verschwunden.
3 Fragen an Christine Kuske
Warum wird man eigentlich Bibliothekarin?
Man muss Menschen mögen, das zuerst. Man ist Netzwerkerin, erlebt und lernt ständig Neues und kann vor allem sinnstiftend arbeiten. Wir eröffnen kleine Chancen, und so ist es beglückend zu erleben, wie Kinder sagen: „Das wusste ich nicht“ oder der Vater zum Kind: „Mama lassen wir noch ein bisschen puzzeln“. In keinem Job der Welt kann ich so meine Stärken leben – mit Herz, Verstand und Erfahrungswissen!
Lesen Sie eigentlich selber viel, und wenn ja, was?
Im Urlaub lese ich viel und dann auch lieber gedruckte Bücher. Im Alltag komme ich nicht so häufig dazu wie gewünscht. Lesen ist nämlich auch bei mir Freizeitbeschäftigung. Meine beiden letzten, gut lesbaren Buchtitel waren: Die Erinnerungen von Werner Herzog und der Bibliotheksroman: „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ von Michiko Aoyama.
Warum lieber Hiddenhausen und nicht Hamburg und München?
Hier habe ich alle Freiheit, eine moderne Bibliothek zu führen, bin immer noch nah dran an den Menschen, für die wir wichtig sind und habe das Dream-Team, das ich benötige, um Ideen umzusetzen