Detail

Hinter den Kulissen von REWE Quermann in Bielefeld

Anders einkaufen

Sich mit jemandem über Lebensmittel unterhalten, der Lebensmittel verkauft?

Kann eigentlich nur in Weichgespültem enden, in mit der Marketingabteilung des Großunternehmens Abgesprochenem, mit Floskeln und Lippenbekenntnissen.

Dachten wir zumindest. Aber es kam ganz anders.

Und vor allem: Viel besser.

Sich mit jemandem über Lebensmittel unterhalten, der Lebensmittel verkauft?
Kann eigentlich nur in Weichgespültem enden, in mit der Marketingabteilung des Großunternehmens Abgesprochenem, mit Floskeln und Lippenbekenntnissen.
Dachten wir zumindest. Aber es kam ganz anders.
Und vor allem: Viel besser.

Wir parken unser Auto bei REWE Quermann in Babenhausen, spazieren neugierig in den Laden und laufen Ines Quermann direkt in die Arme. Bleiben wir doch gleich hier am Tisch stehen, Fragen auf den Tisch, es könne direkt losgehen. Sagt sie. Und während die Einkaufenden neugierig an
uns vorbeischlendern, plaudern wir einfach drauflos. Einen Supermarkt führen? Könne ja sooo schwer nicht
sein, gegessen, getrunken und dafür eingekauft werde ja immer. Dachten wir auch. Und widerlegt Ines Quer-
mann direkt. Anfang des Jahres habe die Zurückhaltung begonnen, seit Juli sei die Krise so richtig spürbar.
Es fehlt schlicht das Geld im Portemonnaie und wenn dann noch die Preise steigen, gibt es viele, die zu billig
und wenige, die so richtig gut einkaufen. Es sei aktuell im Supermarktgeschäft vor allem eins: Sehr herausfordernd.
Weil Lieferanten an der Preisschraube drehen und gleichzeitig die Kundschaft, die hier gar nicht so heißt, auf den letzten Cent schaut. Der Kunde ist König?

Nicht bei REWE Quermann. Das klinge doch irgendwie profan und Kunde, das hieße doch, dass es einzig und allein darum gehe, den Einkaufskorb so stark und schnell wie möglich zu füllen. Sie spre- chen hier viel lieber vom Gast – und von sich als Gastgeber. Und das gleich 170-fach und in unter- schiedlichster Ausprägung. Was alle Kolleginnen und Kollegen hier verbindet? Auf den ersten Blick: Das Du. Beim näheren Hinschauen: Das Bestreben, noch eine ordentliche Schüppe draufzulegen. Etwa dann, wenn entschieden wird: Wir bringen keine Postwurfsendung mit den Wochenangeboten mehr heraus. Weil die Hälfte davon vom Briefkasten direkt in der grünen Tonne landet. Wenn nicht noch viel mehr. Oder auch: Wir verschicken den Bon digital. Weil es kaum etwas Deprimierenderes gibt, als an der Kasse sagen zu müssen: Den Bon? Den brauche ich nicht. Und dann zuzusehen, wie er vor deinen Augen zusammengeknüllt und in den Müll geworfen wird. All das: bei Gastgebern wie Gästen bei REWE Quermann längst angekommen.

Das Supermarktbusiness ist heute eines, bei dem es nur um eins geht: Besser, attraktiver als die an- deren zu sein. Unser Job ist die Verführung. Sagt Ines Quermann entwaffnend ehrlich. Und wer auf Live-Bildschirmen den Hühnern im gar nicht mal so weit entfernten Stall beim Eierlegen zuschauen kann, der greift dann eben doch eher zum BIO- denn zum Discounter-Ei. Ob der Kampf zu gewinnen ist? Schwer zu sagen, so die 44-Jährige. Denn die ganz Großen der Branche pumpen gerade Milliar- de um Milliarde in das Liefergeschäft, das sich nie tragen wird und doch auch nicht mehr wegzuden- ken sei. Für Toilettenpapier, für Waschmittel in den Supermarkt fahren? Da winkt Ines Quermann lässig ab. Macht bald kein Mensch mehr. Zu unbequem, zu aufwändig, beim Tragen zu schwer und beim Bezah- len nicht günstig genug. Einzige Chance: Auf Frische setzen, das anbieten, was andere nicht haben. Dafür schaut sich das Ehepaar Quermann deutlich stärker um als andere, rechnet, verschiebt, (über)erfüllt Um- satz-pro-Quadratmeterquoten, auch wenn gerade Platz hier eine rare Ware ist. Schauen Sie sich um, wir könnten schon etwas mehr Raum, etwas mehr Luft gebrauchen. Sagt Ines Quermann und wartet die Antwort erst gar nicht ab. Bald schon überneh- men sie einen Supermarkt in der Nähe, irgendwann werden sie hier in Babenhausen auch vergrößern, sich breit(er) machen, das Sortiment ausweiten, die Quadratmeter-Quote dennoch nicht aus den Augen verlieren. Und sich und den Gästen doch immer wieder etwas gönnen, was es anderswo eben nicht gibt. Jackfrucht zum Beispiel, wissen Sie ad hoc, wo Sie die gerade frisch bekommen? Fragt Ines Quermann flott und gibt auch hier keine Zeit zur gestammelten Antwort. Na, hier natürlich. Und sonst so? Öhm. Keine Ahnung.

So scheinen sie und ihr Mann das Geschäft zu füh- ren, mit Tempo, einen, eher zwei Schritte vorausei- lend. Auch mal was wagen, so wie damals, als sie Tankstellen betrieben und merkten: irgendwie ist da gar keine Musik drin, also im Benzinverkaufen. Aber der Verkauf von allem anderen, im Shop, das passt. Und dann direkt darauf setzen, die REWE-Karte spielen, immer vorne dabei, immer anders sein. Apropos Tankstelle. So, wie der Tankstellenpäch- ter meist einen leeren Tank hat, ist auch der Kühl- schrank von Ines Quermann (viel zu) häufig leer. Da- bei gehe sie so gerne woanders einkaufen, schauen, probieren. Das Business ruhe ja irgendwie nie und was die Mitbewerber machen ist so spannend und aufschlussreich, dass es am Ende dann doch nur zu einem schlichten Nudelgericht reiche, weil sie beim Rumschnuppern das Einkaufen ganz verges- sen habe.

Am Ende, unser Notizbuch ist fast komplett voll- geschrieben, Hand, Schrift und Kopf sind kaum hinterher-, geschweige denn mitgekommen, sagt Ines Quermann noch, was stutzig macht: Wenn der Wahnsinn mit den Lebensmitteln, den Preisen, dem Druck, den Lieferdiensten so weitergehe wie jetzt, dann wollen sie und ihr Mann irgendwann nicht mehr. Da sei ja ein Pensum, ein Missverhält- nis entstanden, das mit gesund oder normal oder aushaltbar wenig zu tun habe. Bis dahin aber: Voll- gas. Und, das sollten wir auf jeden Fall wissen: Das hier, das ist ein Traumjob. In einem Traumteam. Mit Traumgästen.

Ein paar Fotos noch, dann schnell weiter, der nächste noch zu optimierende Quadratmeter, der nächste regionale Anbieter, das vegetarische Mittagsmenü, die nächste nachhaltige Idee warten. Und das nicht lange.

Herbst 2023

Dieser Artikel erschien in:

Artikel aus dieser Ausgabe

Es dauert nicht lang. Nicht mal fünf Minuten sind vergangen, seit der SPIEGEL Online-Artikel erschienen ist. Fünf Minuten, die im Internet…

Artikel lesen

Ach, wir wären gerne dabei gewesen. Als Lena mit ihrem Mann Felix im eigenen Wohnzimmer saß und 800 Trockene Schneebälle anfertigte. Es…

Artikel lesen

Der Weg nach Werther ist alles andere als weit – eigentlich aber müsste man viele hundert Kilometer weiterfahren, um die Geschichte der…

Artikel lesen

Hektik? Kommt nicht auf. Nicht einmal jetzt, wo die Eröffnung kurz bevor, der Lieferant der Fensterbeklebungen aber irgendwie noch auf dem…

Artikel lesen

Vanlife? Das klingt nach einsamen Stränden, nach winzigen Lichtungen in unendlichen Wälderweiten, nach menschenleeren Bergwelten, nach nicht…

Artikel lesen

Nur noch 6 Monate

Eigentlich sollte es ja Whisky werden. Aber das dauert. Lange. Sehr lange. Dann vielleicht doch mit einem echten, einem…

Artikel lesen
Die Agentur hinter
          den Beiträgen
Zurück
Jetzt zu HOCH5 wechseln!
Du suchst etwas Neues? Möchtest die Werbeagentur wechseln? Dein Projektvorhaben mit uns besprechen? Werbung, die wirkt?

Na dann los. Wir freuen uns.

Auf deine Anfrage. Auf dich.


Und melden uns. Direkt.

Schneller, als du erwartest.
Versprochen.

Jetzt wechseln

Kleine Pause gefällig?
Am besten mit einem klitzekleinen Tipp:
Wir von HOCH5, die wir das hier machen, machen noch viel mehr.
Mehr Content, mehr Werbung, mehr Print und Web.
Neugierig? Dann hier entlang, zur Website unserer Werbeagentur.
Und ansonsten:
Viel Freude beim Weiterlesen!

HOCH5HOCH5HOCH5HOCH5