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Es dauert nicht lang. Nicht mal fünf Minuten sind vergangen, seit der SPIEGEL Online-Artikel erschienen ist. Fünf Minuten, die im Internet reichen, wahrscheinlich sogar eine halbe Ewigkeit sind, wenn es darum geht, sich eine Meinung zu bilden, ein Urteil zu fällen.
Christin Schwarz?
Es dauert nicht lang. Nicht mal fünf Minuten sind vergangen, seit der SPIEGEL Online-Artikel erschienen ist. Fünf Minuten, die im Internet reichen, wahrscheinlich sogar eine halbe Ewigkeit sind, wenn es darum geht, sich eine Meinung zu bilden, ein Urteil zu fällen. Christin Schwarz? Kann darüber lachen. Zumindest heute, jetzt, fast vier Jahre nach dem Start ihres Projekts, um das es im Artikel geht. Das war nicht immer so, sagt sie, und wird nicht immer so bleiben, weiß sie auch. Doch für den Moment? Schallt ihr ansteckendes Lachen beim Lesen der Kommentare durch die Küche des alten Hauses, in dem wir gerade stehen, zwischen Gasherd, Bialetti-Espressokochersammlung, Tomaten aus dem Gemüsegarten und jeder Menge Katzen, die sich über ihre gut gefüllten Näpfe hermachen. Es ist eine Szene, die ich kenne, schon oft gesehen habe, ohne je dabei gewesen zu sein. Instagram macht’s möglich, denke ich, und:
Schön, endlich hier zu sein.
Bei Christin.
Auf Sizilien.
Bei AlmaGea.
AlmaGea, das ist der Name des Lebenshofs, den Christin und ihr Partner Luca gemeinsam auf der italienischen Insel gegründet haben – und der Ort, an dem ich die nächsten zehn Tage verbringen werde. Was ein wenig nach Experiment klingt, ist alles andere als das – nämlich mein Urlaub. Und: Mein längst überfälliger Besuch einer guten Freundin. Denn bevor Christin nach Sizilien zog, studierten wir gemeinsam in Bielefeld, lebte und arbeitete sie in Frankfurt und Zürich. Bis sie nicht mehr konnte, nicht mehr wollte. Bis sie es endgültig satthatte, das ewige Nine-to-five, die sinnlose Schreibtisch-Arbeit, die Jobs bei der Bahn und bei der Airline, in denen es stets darum ging, Abläufe und Auslastungen zu optimieren. Als sie 2017 auf einer Reise nach Lissabon Luca kennenlernte und in ihm einen Gleichgesinnten fand, nahm die Idee der Lebenshof-Gründung schließlich immer konkretere Formen an. Christin wollte nicht länger Gewinne maximieren, sondern ihre Zeit in die Rettung von Nutztieren – wie zum Beispiel Hühnern, Schafen und Schweinen – investieren, ihnen ein lebenswertes Leben schenken, ihrer Ausbeutung ein Ende setzen – fernab von Massentierhaltung und Fleischwarenindustrie. Schon als ich Christin das erste Mal begegnete, 2006, trug die damals 19-Jährige diesen Wunsch in sich.
Doch es sollte noch einige Jahre brauchen, bis aus der leidenschaftlichen Fleischesserin eine überzeugte Veganerin wurde, bis Klamotten, Konsum und Co. immer mehr an Bedeutung für sie verloren, bis sie all das hinter sich ließ, was in unserer Gesellschaft „so üblich“ ist, und alles auf eine Karte setzte.
Heute, mit 36, wünscht sie sich manches Mal, sie hätte schon eher den Mut dazu gehabt, es früher versucht. Doch eigentlich ist es nie zu spät, um sich für die gute Sache zu engagieren, weiß sie auch. Natürlich sei das nicht immer einfach, natürlich gäbe es Tage, Phasen, in denen die unschönen Kommentare und Nachrichten schmerzen, in denen sie an ihre psychischen und physischen Grenzen gelange.
Auf dem Hof, der so weit abgeschieden liegt, dass er nicht einmal eine Adresse hat, leben Christin und Luca aktuell gemeinsam mit 27 Tieren – darunter 14 Katzen, 6 Hunde, 5 Hühner und 2 Schafe. Insgesamt über 100 Tiere haben in 3 Jahren bereits ein sicheres Zuhause auf dem Hof gefunden.
Die meisten von ihnen konnten erfolgreich an Besitzerinnen und Besitzer vermittelt werden, andere – und auch das gehört zu Christins Alltag – waren zu schwer verletzt, misshandelt oder krank, um sie vor dem Tod bewahren zu können. Futter, Tierarztbesuche, Kastrationsaktionen, Betten, Katzenstreu, Ställe, Heu – all das und noch viel mehr kostet Geld, ohne das sich das Projekt nicht realisieren lässt. Ihr Erspartes, knapp 40.000 Euro, hat Christin längst aufgebraucht – den Großteil davon für das 2,5 Hektar große Grundstück inklusive marodem Haus und Blick auf den Vulkan Ätna. Neben der Arbeit auf dem Hof verdient sie sich kleine Beträge mit Übersetzungsarbeiten dazu – für Lebensmittel, die sie selbst nicht anbauen können. Der Großteil der laufenden Lebenshof-Kosten wird daher durch Spenden gedeckt. So ist es beispielsweise möglich, Patenschaften für Tiere zu übernehmen oder per Crowdfunding konkrete Projekte zu finanzieren. So plant Christin derzeit die Anschaffung eines Katzen-Containers, der Frida und Thea über die nahenden Wintermonate ein warmes Zuhause bieten soll. Denn: Beide Katzen sind querschnittsgelähmt. Da sie sich allein auf ihren Vorderbeinen fortbewegen, sind sie aufgrund des kühlen Bodens häufig von einer Blasenentzündung betroffen.
Ohne Christin, die den Katzen mehrfach täglich händisch die Blase entleert, wären die beiden längst tot. „Lieben die Katzen dieses Leben? Oder glaubt Frau Schwarz das nur? Tiere haben ein Recht auf einen humanen Tod. Euthanasie wäre aus meiner Sicht im Sinne des Tierwohls wohl der bessere Weg“, heißt es dazu in einem der Kommentare, die unter dem SPIEGEL Online-Artikel landen. „Soll die Frau machen, solange sie nicht in 20 Jahren nach Deutschland zurückkommt und dann vom Staat leben will“, in einem anderen. Zugegeben: Das, was Christin hier leistet, ist weit weg vom Alltag, den viele von uns kennen und leben. Auswandern, sich ganz und gar dem Tierund Umweltschutz verschreiben, aber möglicherweise eines Tages in die deutsche Heimat zurückkehren? Diese Kritik bekommt Christin nicht das erste Mal zu lesen und zu spüren – doch inzwischen hat sie gelernt, damit zu leben. Während wir darüber sprechen und ich merke, dass die Wahrheit wohl irgendwo zwischen Schwarz und Weiß liegen muss, flitzen Frida und Thea an uns vorbei – zwei der schönsten, stärksten und cleversten Katzen, die ich jemals kennengelernt habe – und die, da bin ich sicher, dieses Leben bei AlmaGea lieben.
Obwohl auf dem Lebenshof jeder Morgen gleich startet – in zwei Etappen die Katzen füttern, dann die Hunde, dann die Hühner und Schafe, ehe das eigene Frühstück dran ist – gleicht kein Tag dem anderen. So entscheiden etliche Faktoren, wie das Wetter, die Gesundheit der Tiere, der Verschmutzungsgrad der Ställe oder der Reifegrad des Gemüses, über das, was gerade wichtig ist – und was eben nicht. Jetzt, Anfang Oktober, steht die Olivenernte auf der Insel kurz bevor. Freiwilligenhelferinnen und -helfer werden gesucht, zehn Personen wären optimal, rechnet Luca. Der 31-jährige Italiener, der in Turin geboren und aufgewachsen ist, plant die anstehende Ernte – noch nicht ahnend, dass sie die Erträge der vergangenen Jahre noch einmal toppen wird. Sechs Wochen lang wird er gemeinsam mit dem Team insgesamt knapp 9.000 Kilogramm Oliven ernten. In einer nahegelegenen Presse entsteht daraus schließlich erstklassiges kaltgepresstes extra natives Olivenöl, das er und Christin gegen eine Spende für den Lebenshof auch nach Deutschland versenden. Die Einnahmen, versichert Christin, kommen ausschließlich dem Projekt zugute.
Tiere versorgen, Spenden generieren, Volunteers finden, auf der Insel Fuß fassen – all das hatten sich Christin und Luca anfangs einfacher vorgestellt. Ganz geordnet wollten sie ankommen, ihr Grundstück für die Aufnahme von Tieren vorbereiten, einen Gemüsegarten anlegen, das in die Jahre gekommene Haus durch einen neuen, von der Regierung geförderten Bau ersetzen. Doch schließlich kam alles anders: Über Nacht zog mit Alma das erste Straßenkätzchen bei ihnen ein, sprach sich das Projekt herum, kamen immer mehr Anfragen und immer mehr Tiere. Vom Gedanken, Nutztiere zu retten, mussten sich Christin und Luca anfangs erst einmal verabschieden, zu wenig Zeit, zu wenig Ressourcen, zu viel auf einmal. Zäune mussten her, Ställe, eine Komposttoilette, ein Plan B für das Haus, für das das Förderprogramm eines Tages eingestampft wurde. Fünf Tage Arbeit pro Woche, fünf Stunden Arbeit am Tag im Tausch für Kost und Logis – das ist die Vereinbarung, die Freiwilligenhelferinnen und -helfer eingehen, wenn sie bei AlmaGea mit anfassen. Viele von ihnen kommen aus Deutschland, haben ihr Abi gerade in der Tasche oder eine Auszeit vom Job genommen, andere aus Italien, England oder Australien. Während sie sie – so wie ich aktuell – in Christins altem Camper wohnen oder auf dem Grundstück ihr Zelt aufschlagen, können sich Christin und Luca seit wenigen Monaten endlich in ihr privates Tinyhouse zurückziehen. Nicht nur viel Geld, sondern auch etliche Nerven habe sie dieses gekostet, sagt Christin. So waren beispielsweise die Fenster nicht richtig abgedichtet, gab es zahlreiche weitere Makel, die sie selbst beheben mussten, weil die zuständige Firma nach der Lieferung nicht mehr reagierte. Willst du nach Sizilien auswandern, pack Geduld ein, scherzt Christin.
Der Regen der ersten Tage hat sich verzogen. Ätna pustet ein paar weiße Rauchwolken in den blauen Himmel. Für einen Moment fühlt sich alles friedlich an, schön und warm. Dann zeigt Christin in die Ferne: Siehst du den Qualm dort, wieder hat jemand ein Feuer gelegt, fragt und antwortet sie im selben Atemzug. Schäfer und Kuhhirten seien es, jedenfalls in den allermeisten Fällen, die sich durch die Feuer mehr Weideland für ihre Tiere verschaffen wollen, und dabei billigend in Kauf nehmen, die Natur unwiederbringlich zu zerstören. Mehrfach schon haben sie und Luca in diesem Sommer dabei geholfen, außer Kontrolle geratene Brände zu löschen, zu denen die Feuerwehr oftmals aus Personalmangel gar nicht erst ausrücke, erzählt sie mir, und zeigt auf die Feuerklatschen, die griffbereit in der Nähe des Autos liegen. Einmal mehr schüttle ich mit dem Kopf.
War es naiv zu glauben, dass die Brände nicht menschengemacht sind? Und wie hält man all das eigentlich aus?
Eine der Antworten auf diese Frage ist Settevoci. Was übersetzt so viel bedeutet wie „Sieben Stimmen“ ist ein Projekt, zufällig gerade einmal fünf Autominuten vom AlmaGea-Lebenshof entfernt. Die Menschen, die hier leben, die hier zu Gast sind, teilen die gleichen Werte, haben ähnliche Vorstellungen vom Leben – und sind mittlerweile zu guten Freunden von Christin und Luca geworden. Das Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, das längst nicht mehr bewohnbar war, haben sie zusammen wieder aufgebaut – genauso wie die Bar, den Permakultur-Garten und vieles mehr. Sie sind Kreative, Artistinnen oder Musiker, auf Sizilien geboren oder früher oder später hierhergekommen. Fünf Tage lang veranstalten sie gerade ein Festival für sich und ihre Freunde. „La Rimpatriata“ ist das große Wiedersehen mit Workshops, selbst gemachten Produkten zum Verkauf, mit Kunst, Pizza, Konzerten, DJ-Sets, Tomatensamen-Tauschbörse, Seifenblasen und „Spassatura“ – einer Müllsammelaktion, die vom Haus aus bis in den nächstgelegenen Ort Francavilla führt.
Knapp zwei Stunden lang sammeln wir entlang der drei Kilometer langen Strecke alles auf, was nicht in die Landschaft gehört: Zigarettenstummel, Getränkedosen, aber auch ganze Autoreifen sowie jede Menge Plastikmüll und Metallschrott.
Während schnell vierzig Säcke Abfall zusammenkommen, sorgen die Settevoci-Musiker mit Schlagzeug, Saxofon und Trompete für Aufmerksamkeit bei der einheimischen Bevölkerung, klären Megafon-Durchsagen über die Aktion auf. Zwar fühlt sich all das – in Anbetracht des Mülls, der mir während meiner Reise in freier Natur begegnet – nur an wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch ich verstehe immer mehr, warum Aktionen wie diese und Projekte wie Settevoci und AlmaGea wichtig sind – besonders auf Sizilien.
Die letzten Tage bei AlmaGea fühlen sich schon fast nach Routine an. Während Christin die Katzen und Hunde versorgt, mache ich mich auf den Weg zu den Hühnern, öffne ihren Freilauf und füttere anschließend Greta und Maya, die Schafe. Mittlerweile ist auch Lorena, eine Freiwilligenhelferin aus Deutschland, bei uns angekommen. Mit Luca und ihr baue ich ein Stroh-Bett für Greta und Maya, bevor wir gemeinsam Bohnen und Zucchini für das Abendessen ernten, für das meist Luca am Herd steht. Richtig viel zu tun, so Christin, gibt es im Augenblick nicht, und so sind während meines Besuchs ein paar Ausflüge drin. Zusammen schlendern wir durch den Touristen-Ort Taormina, besuchen ein Walnuss-Fest, unternehmen mit den Hunden Vento, Nixy und Lewy eine kleine Wanderung, fahren zum Strand, baden im Meer. Die Sonne geht jetzt, da der Herbst näher rückt, schon früh unter. Im Licht der Dämmerung schauen wir den Wellen beim Kommen und Gehen zu.
AlmaGea unterstützen
Du möchtest mehr über AlmaGea wissen, eine
Tier-Patenschaft übernehmen, etwas spenden oder
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dazu findest du auf Instagram: @almagea.sanctuary
Wenn sie noch einmal die Wahl hätte, sagt Christin, würde sie sich wieder für dieses Leben entscheiden. Für die gute Sache. Für ihre Überzeugung. Und vor allem: für AlmaGea.
Es dauert nicht lang. Nicht mal fünf Minuten sind vergangen, seit der SPIEGEL Online-Artikel erschienen ist. Fünf Minuten, die im Internet…
Ach, wir wären gerne dabei gewesen. Als Lena mit ihrem Mann Felix im eigenen Wohnzimmer saß und 800 Trockene Schneebälle anfertigte. Es…
Der Weg nach Werther ist alles andere als weit – eigentlich aber müsste man viele hundert Kilometer weiterfahren, um die Geschichte der…
Hektik? Kommt nicht auf. Nicht einmal jetzt, wo die Eröffnung kurz bevor, der Lieferant der Fensterbeklebungen aber irgendwie noch auf dem…
Vanlife? Das klingt nach einsamen Stränden, nach winzigen Lichtungen in unendlichen Wälderweiten, nach menschenleeren Bergwelten, nach nicht…
Nur noch 6 Monate
Eigentlich sollte es ja Whisky werden. Aber das dauert. Lange. Sehr lange. Dann vielleicht doch mit einem echten, einem…
Na dann los. Wir freuen uns.
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