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Kai Linnenbrügger verlor seine Yacht vor den Kanaren – warum er trotzdem weitersegelt

Skipper Kai schaut nach vorn

Wer mit Kai Linnenbrügger segeln geht, der braucht erst einmal nichts. Keine Segelkenntnis, keine Segelklamotten. Und wer einfach nur mitfahren möchte, kann das auch. Aber natürlich gilt genauso: Wer mit anpacken will, ist jederzeit willkommen – und soll das auch. Segeln lebt davon, dass alle an Bord Teil der Crew sind.

Ein bisschen quatschen. 
Ein bisschen die Leinen lösen. 
Ein bisschen am Ruder stehen, über das Deck laufen, Fender einsammeln, alles verstauen, Blick in den Himmel, Blick nach vorne. 
Und los.

Wer mit Kai Linnenbrügger segeln geht, der braucht erst einmal nichts. Keine Segelkenntnis, keine Segelklamotten. Und wer einfach nur mitfahren möchte, kann das auch. Aber natürlich gilt genauso: Wer mit anpacken will, ist jederzeit willkommen – und soll das auch. Segeln lebt davon, dass alle an Bord Teil der Crew sind.

Eben standen wir noch im niederländischen Lemmer am Hafen, kurzes, herzliches Hallo, dann direkt ab aufs Schiff, Leinen los, ausparken – wie man so sagt, wenn man keine Ahnung vom Segeln hat –, rückwärts raus, vorwärts weiter und ab aufs Ijsselmeer.

Normalerweise lenkt der 55-Jährige 15- Meter-Yachten seiner Segelschule 45 Grad Nord mit Schülern und gestandenen Skippern, die noch etwas dazulernen wollen, sowie das Hausboot der bekannten WDR-Serie Lecker an Bord mit Frank Buchholz und Björn Freitag – und bis zum 13. Februar auch noch die eigene, sprich private Segelyacht Vlie, die hier in Friesland jeder kennt. Oder besser: kannte.

Mit drei Mann und einer Frau war er mit der Vlie, die er dafür selbst von den Niederlanden zu den Kanaren gesegelt hatte, auf dem Weg von Teneriffa nach Lanzarote. Kurz zuvor hatten sie noch einen leichten Ruck im Schiff gespürt, sich dabei aber nichts weiter gedacht. 18 Seemeilen vor dem Ufer dann die Warnung eines Mitseglers: Ganz schön viel Wasser im Boot.

Was dann geschieht, läuft professionell, fast routiniert ab. Kai steigt hinunter in den Salon, das Wasser steht ihm erst bis zum Knöchel, Augenblicke später bis zum Knie. Ein Blick unter die Matratze, da, wo das Leck vermutet wird, zeigt heftig sprudelnd: Hier hilft keine Pumpe mehr.

Kurzer Blick zurück: Alles schwimmt durch die Kabine, Liebgewonnenes sinkt – Führerschein, Kreditkarten, Reisepass, das zum Geburtstag geschenkte Fernglas und noch viel, viel mehr. Alles weg. Für immer.

Wäre Kai Linnenbrügger nicht das, was man einen Seemann nennt, ein mehr als versierter Skipper, Mitglied der niederländischen Seenotrettung, dann wäre es jetzt an der Zeit, Panik zu bekommen. So aber: Notruf absetzen, Rettungsinsel zu Wasser bringen – und dabei dabei auf eine Crew verlassen, die ruhig bleibt, keine Panik zeigt und die Anweisungen präzise umsetzt. Ein entscheidender Faktor in diesen Minuten.

Dann zusehen, wie die Yacht, das angebundene Beiboot, in weniger als fünf Minuten rauschend, gluckernd sinkt – und erst 1.800 Meter tiefer auf dem Meeresboden zur Ruhe kommt.

Oben, über Wasser, trotz vier Meter hoher Wellen, bleibt es ruhig. „Wir wussten, dass Hilfe unterwegs ist“, sagt Kai und zeigt auf seine Rettungsweste, in die ein modernes Notrufsystem integriert ist, das gerade durch grünes Licht signalisiert hatte: Der Notruf ist angekommen.

Längst wurde seine Familie in Lemmer informiert, ein Containerschiff in Richtung Notfallpunkt umgeleitet, hatte ein Seenotrettungskreuzer abgelegt, ist ein Rettungshubschrauber abgehoben.

Vom Wetter gegerbt.
Vom Wind zerzaust.
Von Wellen geerdet.

Letzterer erreicht die Unglücksstelle, die in den Wellen hin und her schaukelnde Rettungsinsel, als Erster. Mit Hilfe einer Seilwinde wird ein Froschmann heruntergelassen, kurzes Hallo, dann werden alle fünf nach und nach nach oben gezogen. Es war, sagt Kai heute, ein wenig wie eine Übung. Alle Handgriffe bekannt, auch das Aufnehmen per Hubschrauber nichts Neues für ihn.Er verlässt die Rettungsinsel als Letzter, kurzer Blick nach unten, zurück: Nichts mehr zu sehen von der Vlie.

Nach der Landung geht es erst einmal mit dem Taxi zum Hafen. In einer Seglerkneipe setzen sie sich zusammen, bestellen ein Bier. Durchatmen. Ankommen.Erst danach beginnt das Organisieren: der Versuch, ein Hotelzimmer zu bekommen – nicht ganz einfach ohne Ausweisdokumente. Also zur Polizei, eine Verlustmeldung aufnehmen lassen, erklären, was passiert ist. Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß die Segelwelt, wissen Freunde und Journalisten, was passiert ist. Und haben Fragen, viele Fragen. „So viel habe ich noch nie geredet“, erzählt Kai, der in Bielefeld aufwuchs und am Dümmer der Faszination Segeln erlag, BWL studierte – und doch wusste: Eine Segelschule sollte es sein.

Durch sein Engagement als Skipper in der Serie „Lecker an Bord“ ist er das, was man einen bunten Hund nennt. In Lemmer kennen sie ihn alle. In der Seglerwelt sowieso. Und selbst als er bei der Überführung mit der Vlie in Gibraltar kurz zum Tanken stoppte, wurde er an der Kaimauer um Selfies gebeten. All das? Erträgt er mit der stoischen Ruhe, die schon sein Äußeres verrät. Die Haare lang und, nun ja, etwas zottelig, die Haut wettergegerbt, die Hände zupackend, der Stand – auch jetzt, wo der Wind in die Segel unseres Schiffs greift und sich alles ordentlich nach Backbord legt – standfest.

Was am Ende das Loch in den Rumpf gerissen hat? Ein paar Tage zuvor hatte ein Containerschiff vor den Kanaren im Sturm rund 50 Container verloren. Gut möglich, dass einer direkt unter der Wasseroberfläche trieb, nicht zu sehen und doch – oder gerade deshalb – so gefährlich war.

Am Ende aber? Egal.

Die Versicherung hat bezahlt, jetzt sitzt Kai abends vor dem Rechner und sucht das, was eigentlich nicht zu finden ist. Die Vlie? Unersetzbar. Die Arbeitsstunden, die Erinnerungen? Nicht wiederzubekommen.

Die Worte für den Unfall: „Pech gehabt“?
Fallen nicht.
Für die Rettung: „Glück gehabt“?
Auch nicht.

Auch wenn der 13. Februar ein Freitag war: Mit Pech und Glück hatte das nicht viel zu tun. Falsche Zeit, falscher Ort, richtiger Umgang.

Und weiter. Weiter raus.
Weiter segeln. Leinen los.

Instagram: @45gradnord

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