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Radbuedchen Bielefeld: Wo alte Rennräder ein zweites Leben bekommen

Only steel is real!

Lässt Bargeld und Kreditkarte zuhause. Wenn du Kevin und Dennis in ihrem Radbuedchen besuchst. Wenn du ein Faible für alte Rennräder hast. Wenn du vielleicht sogar selbst mal vor der Entscheidung standest, dein Konfirmationsgeld entweder für die Kenwood-Anlage oder das Bianchi-Rennrad auszugeben. Und du die falsche Entscheidung getroffen hast.

Am besten nimmst du dein Portemonnaie nicht mit.

Lässt Bargeld und Kreditkarte zuhause. Wenn du Kevin und Dennis in ihrem Radbuedchen besuchst. Wenn du ein Faible für alte Rennräder hast. Wenn du vielleicht sogar selbst mal vor der Entscheidung standest, dein Konfirmationsgeld entweder für die Kenwood-Anlage oder das Bianchi-Rennrad auszugeben. Und du die falsche Entscheidung getroffen hast.

Stilsicher auf dem passenden Sofa im Mix aus Showroom und Werkstatt: Dennis Hennes (links) und Kevin Damm.

Bremsen auf der Felge, Schalten am Rahmen.

Also mittellos – sicher ist sicher – hereinspaziert in einen Laden, der irgendwie alles ist.: ehemaliger Kiosk, Schrauberbude, Treffpunkt der Vintage-Rennradszene, kleinster Biergarten Bielefelds, Fahrradladen. Rechtlich gesehen ist das hier eine GbR, damit du hier dein Hobby zu – ja, was eigentlich? – machen kannst.

Es ist, erzählen Kevin und Dennis an diesem Samstagmittag, ein Hobby, das irgendwie genau das bleiben soll und doch auf eine andere Ebene gehoben wurde. Radfahren tun beide schon lange, an Rädern schrauben auch, und als Corona kam, wurde das mit dem Schrauben im eigenen Keller mehr und die Suche nach einem geeigneten Ort dafür drängender. Gesucht wurde eine Garage, gefunden wurde der Ex-Kiosk. Wenn schon Ladenlokal und Schaufenster, dann auch kein Schrauben im Verborgenen, nahmen sich die beiden vor und machen nun für jedermann auf. Jeden Mittwochabend, jeden Samstag bis 14 Uhr stellen sie hier Schaltungen ein und ölen Ketten nach, setzen Felgenbremsen instand, kleben Lenkerbänder neu, zentrieren Räder und tauschen gebrochene Speichen aus.

Wobei das mit dem jedermann nicht so ganz richtig ist, denn alles, was hier über den Ladentisch geht, was nach draußen gerollt wird – kurzes Erinnerungsfoto vor der mit Aufklebern übersäten Eingangstür inklusive – ist mindestens 35 Jahre alt und aus Stahl. 35 Jahre als Minimum deshalb, weil das die Zeit war, als es plötzlich im großen Industriestil möglich war, aus Aluminium in Fernost Rennradrahmen als Massenware herzustellen – und Stahl-Rennräder zum Nischenprodukt wurden. Aus Stahl deshalb, weil das der Werkstoff ist, den Kevin und Dennis lieben. Als Schrauber wie als Rennradfahrer. Weil er irgendwie ehrlich ist, nicht durchrostet und nicht – wie heutige Carbonrahmen – bei der kleinsten Delle unbrauchbar und ein Fall für den Sondermüll ist.

Wer hierher kommt, der will entweder den preisgünstigen Einstieg ins Rennrad-Hobby, sucht vielleicht aber auch ein schickes, besser: hippes Rad für den Alltag oder sammelt, stellt oder hängt sich ins Wohnzimmer, was er sich damals schon zur Konfirmation kaufte. Oder besser hätte kaufen sollen. Die, die hier gekauft haben, können auch wiederkommen, wenn es dann doch mal hakt oder klemmt, schleift oder scheppert. Und ja: Auch die, die nicht hier gekauft und dennoch einen Vintage-Stahlrenner unter den Pobacken haben, können Hallo sagen, wenn mal etwas nicht so läuft wie es laufen sollte. Das sagen Kevin und Dennis aber nicht allzu laut, weil die Community stetig wächst und es viele gibt, die wissen, dass sie mit ihren Vintagerädern beim normalen Radhandel entweder weg- oder direkt in die Ecke mit den neuen Rennrädern geschickt werden.

Es hat beim Radbuedchen eher alles etwas mit mal drüber reden, mal draufschauen, mal die Schraube anziehen, mit dem Vorderrad anheben und den Lauf des Rades mal überprüfen zu tun. So entspannt, wie die beiden wirken, soll es bitte auch bleiben. Deshalb gibt es Getränke auf Spendenbasis, deshalb bringt heute ein Kumpel, irgendwie auch Fan, irgendwie ein auch schon zum Teil des Radbuedchens gewordener Freund Kaffee (schwarz) und Kuchen (viel) vorbei. Im Sommer stellen sie die Bank mittwochabends ins Freie – drinnen wird an Rädern, draußen an Flaschenverschlüssen geschraubt.

Spontaner und vor allem überraschender Besuch: Erik Zabel fuhr erst eine Runde mit dem Alpecin-Team von nebenan und schaute dann im Radbuedchen vorbei.

KETTE RECHTS!

Beide, Kevin und Dennis, arbeiten als Pädagogen, der eine leitet eine Bielefelder Förderschule, der andere arbeitet auch an einer solchen Einrichtung als Sozialpädagoge. Im Alltag also: Mund und Kopf benutzt. In der Freizeit mit den Händen (leicht ölig, leicht schmierig) arbeiten und das Ergebnis direkt sehen können, was läuft – und was nicht. All das soll auch so bleiben. Job ist Job, Hobby ist Hobby. Auch wenn die Nachfrage steigt, wird nicht angebaut, nicht umgezogen. Also wächst einfach die Wartezeit. So viel Zeit muss sein. Sicher, mittlerweile haben sie dann doch noch eine Garage gefunden, in der Noch-nicht-fertiges und Ausgeschlachtetes liegt, in der die Ersatzteile lagern; zu der nur die beiden Zugang haben. Dabei ist die Ersatzteil-Situation im Vintage-Rennradbereich erstaunlich gut – was auch daran liegt, dass nicht wie heute ganze Komponentengruppen ausgetauscht werden müssen, sondern ein Schalthebel, ein Vorbau eben an verschiedene Räder und Gruppen passt – und andersherum.

Die Räder selbst ersteigerten sie früher bei eBay. Mittlerweile ist das eigene Netzwerk stark gewachsen, werden Messen besucht, hilft man sich untereinander, bietet an und kauft ab und ist eigentlich ständig und auf unterschiedlichsten Kanälen auf der Suche nach Neuem, was dann fahrbereit, verkaufsfähig gemacht wird. Die blaue Mauritius? Gibt es nicht nur bei Briefmarkensammlern, sondern auch in der Vintage-Rennradszene. Sie ist tatsächlich auch hier blau. Und, noch erstaunlicher: Hängt sogar hier im Radbuedchen an der Wand. Gerd Kalkühler, gerade 80 Jahre alt geworden und vor ein paar Tagen Gast im Radbuedchen, baute früher legendäre Rennräder und eben auch das Schätzchen, von dem es vielleicht noch Hundert gibt – wenn überhaupt. Eins von ihnen hängt heute über den Schrauben- und Inbusschlüsseln im Verkaufsraum und ist genau das nicht: zu verkaufen.

Bei den eigenen Rädern von Kevin und Dennis ist das meist anders. Wir können uns gut trennen. Sagt vor allem Kevin, der bei sich zuhause, nun, irgendwie sechs oder sieben Räder stehen hat. So genau könne er das gerade nicht sagen. Sammler aber ist er nicht, er stellt nicht hin, er fährt. Und zwar jedes Einzelne und immer wieder

Zeit zum Radfahren, für eigene Ausfahrten? Finden die beiden tatsächlich auch noch. Und bald soll es auch mit Radbuedchen-Ausfahrten losgehen, so 50, 60 Kilometer durch das Bielefelder Umland, eher flach, eher gemütlich. Gedacht für die, die hier gekauft haben, die mit Vintage-Rennrädern unterwegs sind. Apropos unterwegs: Kommendes Jahr geht es für Kevin auf große Tour, das Brevet-Event Paris-Brest-Paris wartet – und wer sich auskennt, in der Szene, mit dieser Art der Langstreckentour, der schnalzt nicht nur mit der Zunge, sondern schaut verträumt, respektvoll und ein wenig neidisch zugleich drein. Für alle anderen: Das Rennen, das irgendwie keines ist, weil jeder allein, also ganz allein, also ohne jegliche Unterstützung unterwegs ist, ist ganze 1.200 Kilometer lang und 12.000 Meter hoch. In 70 Stunden will Kevin wieder am Start, also im Ziel, in Paris sein. Und während man jetzt die eigenen Kopfrechenkünste bemüht, dann zum Taschenrechner greift, sich am Kopf kratzt, irgendwie zum Stundenmittel ja noch Schlaf hinzuaddieren muss und nichts auf der Ergebnisseite rauskommt, was irgendwie vorstellbar ist, ist doch eines sicher: Kevin fährt all das mit einem Rennrad. Aus Stahl.

Frühsommer 2026

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Frühsommer/2026

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