Detail

Second-Hand-Mythen entlarvt: Warum unsere Altkleider kaum noch gebraucht werden

Was übrig bleibt

Wer sich mit Claudio Vendramin unterhält, schaut unweigerlich und im Gesicht leicht errötet nach unten auf seine Jeans. Die ist, da lässt unser Gesprächspartner keinen Zweifel, das Schlechteste, was man tragen kann. Umwelttechnisch gesehen. Gleichzeitig ist es aber auch das Beliebteste, was die meisten Menschen tragen. Und damit willkommen in einer Welt der Widersprüche, im Kosmos der Second-Hand-Bekleidung.

Wer sich mit Claudio Vendramin unterhält, schaut unweigerlich und im Gesicht leicht errötet nach unten auf seine Jeans. Die ist, da lässt unser Gesprächspartner keinen Zweifel, das Schlechteste, was man tragen kann. Umwelttechnisch gesehen. Gleichzeitig ist es aber auch das Beliebteste, was die meisten Menschen tragen. Und damit willkommen in einer Welt der Widersprüche, im Kosmos der Second-Hand-Bekleidung.

Claudio Vendramin leitet die RecyclingBörse und damit acht Second-Hand-Kaufhäuser und Cityläden in und um Herford. Er weiß, was Menschen herbringen, weil sie zu viel davon haben, und was die mitnehmen, die hier einkaufen. Vor allem aber weiß er, dass vieles von dem, was wir über Second-Hand-Kleidung zu wissen glauben, nicht mehr stimmt. Es herrscht ja die Meinung vor, dass die sogenannte Dritte Welt nur auf die drei Jahre alten T-Shirts wartet, die wir irgendwo im Internet gekauft haben, die aus Asien zu uns gebracht wurden, die ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten haben und vielleicht noch als Putzlappen taugen. Wenn überhaupt.

In den Kleidersäcken, in dem, was hier in der RecyclingBörse abgegeben wird, vor allem aber in dem, was sich in den Kleidersammelboxen so findet, landen genau diese Kleidungsstücke. Alte, abgerockte T-Shirts, löchrige Socken, verschlissene Hosen und befleckte Pullover – kurzum: nichts, das irgendjemand noch tragen möchte. Oder muss. Ich wage, sagt Claudio Vendramin, da eine steile These: Niemand in Deutschland muss sich Gedanken um ausreichende, wärmende, passende und gepflegte Kleidung machen. Das Angebot für die Bedürftigen ist deutlich höher als die Nachfrage.

Was, man ahnt es, daran liege, dass immer mehr konsumiert wird. Und immer weniger wirklich lange getragen und im Kleiderschrank hängen gelassen wird. Wobei, ganz richtig ist das Zusammenfassen von Kleidersammelboxen, Abgabe vor Ort und Sammeln im Sack nicht. Das, was jeder Einzelne vor seine eigene Haustür stellt, ist das Beste, was die ReyclingBörse einsammeln kann. Da gibt sich der Spender die meiste Mühe, da scheint ihn wohl der Gedanke zu leiten, dass das, was vor seiner Tür steht, ihm auch zweifelsohne zuzuordnen sei. Lassen wir ihn in dem Glauben, der Sache kann es nur guttun, sagt Claudio Vendramin. Das, was bei ihm abgegeben wird, ist, tatsächlich, im Schnitt von minderer Qualität, aber brauchbar. Wer den Mitarbeitenden in der Sortierabteilung einen Blick über die Schultern wirft, der sieht: Es gibt richtige schöne Pullover, schicke Blusen, ordentliche Bettwäsche.

Aber auch die Sachen, die nach nur einem winzigen, prüfenden Augenblick direkt in der Gitterbox landen, deren Inhalt am Ende in der Müllverbrennung landen.Irgendwann ist auch mal gut – mit dem Leben eines Kleidungsstücks. Und so viele Recycling-Wischlappen, wie man daraus machen könnte, braucht kein Mensch.

„Irgendwann ist auch mal gut – mit dem Leben eines Kleidungsstücks.“

„Niemand in Deutschland muss um Kleidung bangen.“

Apropos: Was auch niemand braucht, ist das, was am Ende, bevor die ganzen Kleidersammelboxen abgebaut wurden, in ihnen landete. Was genau? Lässt sich besser nicht beschreiben. Nur so viel: Die Kolleginnen und Kollegen von Claudio Vendramin haben sich am Ende geweigert, die Sammelbehälter überhaupt noch zu öffnen. Und das, obwohl ihr Fell dick ist, sie schon viel gesehen, einiges ausgehalten haben.

Aber wo landet das, was für gut befunden, von Fusseln befreit, dann aufgebügelt wurde? Ganz sicher nicht in der Dritten Welt. Sagt Claudio Vendramin. Denn da füllen sich längst ganze Landstriche und Bergschluchten mit gebrauchter Kleidung, die hierher gebracht – und von niemandem angezogen – wurde. Wir leben weiterhin mit der Vorstellung, dass viele Menschen auf unsere abgelegte Kleidung warten. Aber dem ist nicht so. Hält der RecyclingBörsen-Chef denen vor, die all das nicht glauben können. Die Second-Hand-Industrie liegt am Boden, die Nachfrage ist ein- und weggebrochen. Ein guter Beweis dafür: Die beiden größten deutschen Unternehmen, die sich um das Sortieren kümmerten, haben fast parallel Insolvenz angemeldet. Altkleidercontainer werden abgebaut, Altkleidersammlungen ausgesetzt, die Wäschekörbe, die früher ungefragt vor Haustüren gestellt wurden, sind längst Geschichte.

Am Ende gibt es nur einen Ausweg: das, was heute noch gesammelt, vorbeigebracht, in blaue Säcke gepackt wird, direkt vor Ort zu vermarkten. Drei Wochen gibt Claudio Vendramin jedem Kleidungsstück auf dem Kleiderhaken Zeit, reduziert zum Ende noch einmal den Preis und weiß danach: Das hat sich verkauft. Oder: Das wird sich nie verkaufen. Sie haben hier im Kaufhaus eine Kidszone eingerichtet, das Label Vintage Gold eingeführt, hinter dem sich echte Leckerbissen – kleidungstechnisch gesehen – verbergen. Die Einkaufenden wühlen sich nicht durch Berge, sondern schlendern an Kleiderständern vorbei, suchen aus und probieren an. Fast könnte man meinen, der Second-Hand-Trend würde auch hier gelebt, aber von einem Trend möchte Claudio Vendramin gar nicht mehr reden. Der sei längst vorbei. Zum Trend müsse, sollte ein komplettes Umdenken werden. Heißt zuerst einmal: runter vom hohen Ross. Die Zeiten, in denen wir Deutschen weit vorne im Recycling-Ranking lagen, sind längst vorbei. Wir verbrennen wie die Weltmeister. Haben hier eine Infrastruktur aufgebaut, die gefüttert werden will – mit allem, was brennt. Früher haben wir über Staaten wie Spanien, wie Portugal gelächelt, wenn es um deren Recyclingquote ging. Heute belächeln sie uns.

All das fängt da an, wo unsere Geschichte beginnt: mit der Jeanshose, die wir tragen. Wenn es schon eine Jeans sein soll, die in der Herstellung mehr Wasser, mehr Energie als die meisten anderen Kleidungsstücke benötigt, dann sollte sie sich nicht dutzendfach im Kleiderschrank stapeln. Und vor allem so behandelt, gepflegt, auch geliebt werden, dass sie sehr, sehr lange lebt. Ehe sie dann, am Ende, wenn sie wirklich noch sauber und nicht reparaturbedürftig ist, ins regionale Recycling geht.

Nr 38

Dieser Artikel erschien in:

Artikel aus dieser Ausgabe

Die Agentur hinter
          den Beiträgen
Zurück
Jetzt zu HOCH5 wechseln!
Du suchst etwas Neues? Möchtest die Werbeagentur wechseln? Dein Projektvorhaben mit uns besprechen? Werbung, die wirkt?

Na dann los. Wir freuen uns.

Auf deine Anfrage. Auf dich.


Und melden uns. Direkt.

Schneller, als du erwartest.
Versprochen.

Jetzt wechseln

Kleine Pause gefällig?
Am besten mit einem klitzekleinen Tipp:
Wir von HOCH5, die wir das hier machen, machen noch viel mehr.
Mehr Content, mehr Werbung, mehr Print und Web.
Neugierig? Dann hier entlang, zur Website unserer Werbeagentur.
Und ansonsten:
Viel Freude beim Weiterlesen!

HOCH5HOCH5HOCH5HOCH5