Bei Herforder Pils ist schon Frühling. Der Beachhandwagen steht bereit, die Sonnenschirme sind aufgespannt, Bockbier drängelt sich in den orangefarbenen Kisten.
Bei Herforder Pils ist schon Frühling. Der Beachhandwagen steht bereit, die Sonnenschirme sind aufgespannt, Bockbier drängelt sich in den orangefarbenen Kisten.
Dabei ist es gerade mal Mitte Februar. Aber die Maibock-Saison beginnt hier eben kurz nach Weihnachten, Anfang September wird schon das Weihnachtsbier in die Regale geräumt – der Kalender in der Bierbranche ist einfach ein anderer als der klassische. Also ist der Eingangsbereich beim heimischen Brauer schon mal sommerlich in Position gebracht – wenn es nach ihm geht, können Sonne, Wärme und Bierdurst so langsam starten.
Wer zum ersten Mal das Gebäude der Herforder Brauerei betritt, das sich hinter der Herforder Wirtschaft wegduckt, bei dem der Pförtner durch ein winziges Loch in der Glasscheibe freundlich lächelt, der weiß nicht so recht: Ist das alles hier jetzt sehr in die Jahre gekommen oder gerade auf dem Sprung hin in die Zukunft? Wahrscheinlich ist es ein Mix aus beidem, sagen Frank Rottmann und Peter Lohmeyer, als wir uns in die schweren Ledersessel an dem großen Konferenztisch fallen lassen, an dem es wohl schon um alles ging. Um echte Höhen und ebensolche Tiefen. Jetzt aber: Auftrieb, nach vorne schauen, optimistisch sein. Und bleiben.
Nicht ohne Stolz erzählen die beiden – Frank Rottmann ist der Technische Direktor, Peter Lohmeyer für Marketing und PR zuständig –, dass die Haus Cramer Gruppe, der sie ja als Unternehmen, als Teil der Gruppe seit 2007 angehören, als eine der wenigen der Branche positive Absatzzahlen zum Vorjahr erzielt hat. Welchen Anteil Herforder Pils daran hat? Wird natürlich nicht verraten. Überhaupt sind Zahlen eher rar, wenn man sich mit den beiden unterhält. Nur eine steht im Mittelpunkt: 20 Millionen. So viele Euros investiert die Zentrale aus dem Sauerland in das Unternehmen in Herford, damit eine nagelneue Abfüllanlage 50.000 Flaschen die Stunde abfüllt. Deshalb liegen rund um den Eingang auf XXL-Paletten riesige Bauteile, die mit Zahlencodes gekennzeichnet sind und von Gabelstapler und Kran an die richtige Position des riesigen Maschinenbaupuzzles gesetzt werden. Jeden Tag verbauen sie hier neue Puzzleteile, jeden Tag werden neue angeliefert. Mal rollt direkt ein Autokran vor, um Schwergewichtiges durch das geöffnete Gebäude zu hieven, dann wieder erledigen die wendigen Stapler die Kleinarbeit. All das: Faszinierend zu sehen, sagt Frank Rottmann. Als Techniker begeistere ihn, wie alles ineinandergreife, auch die Vorstellung, dass die Maschine beim Hersteller bereits gelaufen, alles in der Praxis bereits geprüft worden sei. Und doch: Ob im Sommer, der Start ist auf den Tag genau fixiert, alles auf Anhieb läuft? Hoffen wir mal. Sagt Rottmann. Und genauso ist es auch gemeint: Als Hoffnung auf die Zukunft, auf eine neue Ära, die mit der neuen Maschine beginnt.
Hat die Technik in Blick
und Griff: Frank Rottmann,
Technischer Direktor.
Wer sich die nüchternen Zahlen anschaut, wird, bleiben wir im Brauereisprech, erst einmal ernüchtert. Denn auch die alte Maschine, die während der Bauphase der neuen verlässlich weiterläuft, hat eine ähnliche Nennleistung. Aber, sagt Frank Rottmann, so viel sage die Zahl gar nicht aus. Viel wichtiger sei, welche Flaschen denn überhaupt befüllt werden könnten. Und da sei die neue Anlage klar im Vorteil, weit voraus und vor allem: sehr viel flexibler. So flexibel sogar, dass nicht nur Herforder Pils durch ihre Leitungen fließen wird. Sondern mindestens auch das Bier anderer Gruppenmitglieder. Wir werden ein wenig zum Lohnabfüller. Sagt dann auch Marketingleiter Peter Lohmeyer und rudert gleich wieder ein bisschen zurück. Natürlich nur zu Zeiten, in denen die Maschine mal nicht ausgelastet sei, sie dennoch weiterlaufen solle. Er reicht dann gerne die ins CI-Orange getauchte Imagebroschüre rüber. In ihr natürlich auch zu finden: Die Steinie-Flasche, dieser knubbelige Handschmeichler, der ein Herforder erst nach Meinung vieler zu einem echten Herforder mache. Früher trug man sie zehnfach im Papp-Container aus der Tankstelle, heute ist sie längst das, was viele anstreben und wenige erreichen: Kult.
Der Mann für die Werbung:
Peter Lohmeyer leitet
Marketing und PR
Natürlich gibt es auch bei der Herforder Brauerei Bier in allen Facetten, als Export und Landbier, Bock, Pils und Festbier. Jede Bier-Welle aber reiten sie hier nicht. Das sollen mal die anderen machen. Und könne der Branche, dem Bierkonsum, ja eigentlich nur guttun, sind sich die beiden einig. Wenn Craftbier-Manufakturen plötzlich an jeder Ecke aufploppen, wenn in Garagen privat gebraut wird, wenn die Branchenriesen versuchen, mit immer wilderen Mixbieren Neukunden zu gewinnen, dann sorge das vor allem für eins: Den Fokus auf das Bier. Und den kann die Branche gut gebrauchen, nach einer Zeit, in der Bier eher als Getränk für den galt, der im Unterhemd mit dem Handrücken seinen Schweiß auf der Baustelle von der Stirn wegwischte und zur braunen Flasche griff.
Heute ist Bier wieder en vogue, die Pro-Kopf-Zahlen fallen zumindest nicht mehr, die Branche atmet nach der Durstperiode in der Pandemie wieder auf. Darauf angesprochen, erinnern sich beide erst sehr gut, dann doch lieber ungern zurück. Wir waren – und sind es heute wieder – damals sehr stolz darauf, so stark vertreten zu sein in der Gastronomie. Nur war das in Zeiten geschlossener Kneipen und Restaurants natürlich fatal. Sagt Peter Lohmeyer und schaut lieber nach vorn. Dahin, wo sich gerade die jüngere Generation breit macht im Unternehmen. Wo nicht mal 30 Jahre alte Kollegen Verantwortung und Leitungsfunktionen übernehmen. Es klingt ein wenig wie im Fußball. Das Team sei sehr gut aufgestellt, alles greife gut ineinander, die Neuen seien sehr gut integriert, das Spiel könne kommen.
Bis dahin, bis die Sonne rauskommt, die Käufer wieder vermehrt zum orangen Bierkasten greifen, auf dem Balkon, im Garten, im Park die Kronkorken hochgehebelt werden, dauert es noch ein bisschen. Also schauen sie fasziniert auf ihre Baustelle, auf die Anlage, deren Aufstellung in drei Abschnitte aufgeteilt ist. Teil eins wird gerade montiert, die Teile zwei und drei schließen sich an, wenn die ersten Flaschen über die neuen Förderbänder flitzen und die alte Maschine Stück für Stück abgebaut wird. Das Wort fließender Übergang bekommt hier eine ganz neue, ursprüngliche Bedeutung.
Wenn das eine komplett steht, das andere komplett abmontiert ist, dann könnten neue Kreationen in die Flaschen fließen. Auch da sei man dran. Und werde dennoch nicht zu einer Brauerei, die sich selbst ob all der Neuerscheinungen überrasche. Der letzte echte Coup? Sei das Landbier naturtrüb gewesen. Das immerhin schon 2011 zum ersten Mal gebraut wurde. Tradition wird hier tatsächlich großgeschrieben, Hektik ist ein Fremdwort. Deutlich wichtiger als Schnellschüsse sei, dass man sich auf den Stammsitz in Warstein verlassen könne. Der bei den großen Entscheidungen genau hier mit an dem großen Tisch sitzt. Und sie sonst machen, das sein lässt, was sie immer schon waren: Eine regionale, traditionsreiche Bierbrauerei. Die auf den Sommer, den Durst wartet. Jetzt im Februar. Und weiß der kommt. Ganz sicher.
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