Sonja O’Reilly weiss, was Junge Menschen bewegt – und wie man sie bewegt. als Jobcoach hilft sie denen, die Orientierung suchen, die sich beruflich neu oder umorientieren wollen. Als Persönlichkeitstrainerin, Ausbilderin, Teamcoach und Bildungsunternehmerin hat sie uns viele Antworten auf Fragen gegeben, die junge Menschen zur Berufswahl ebenso betreffen wie Unternehmer, die auf der Suche nach dem passenden Auszubildenden sind.
Sonja O’Reilly weiss, was Junge Menschen bewegt – und wie man sie bewegt. als Jobcoach hilft sie denen, die Orientierung suchen, die sich beruflich neu oder umorientieren wollen. Als Persönlichkeitstrainerin, Ausbilderin, Teamcoach und Bildungsunternehmerin hat sie uns viele Antworten auf Fragen gegeben, die junge Menschen zur Berufswahl ebenso betreffen wie Unternehmer, die auf der Suche nach dem passenden Auszubildenden sind.
Frau O’Reilly, ist es heute, bei der Fülle an Berufen, immer schwerer, die richtige Berufswahl zu treffen?
Sonja O’Reilly (SO): Ich glaube, dass sich junge Menschen häufig mit dieser Entscheidung schwertun, liegt sicherlich an den unglaublich vielen Möglichkeiten, die es hier gibt. Gleichzeitig ist da auch eine Distanz zur Berufswelt entstanden, die diese Entscheidung noch erschwert. Wenn man sich heute den Lebensalltag von Jugendlichen anschaut, dann ist der sehr geprägt vom Schulleben, da sind in den meisten Schulformen Unterrichtstage mit acht oder neun Stunden keine Seltenheit. Da muss man sich schon die Frage stellen: Wann soll ich dann eigentlich als Jugendlicher die Berufswelt, die Menschen, die sich darin bewegen, wahrnehmen? Das ist ein echtes Problem und führt zu sehr viel Unsicherheit.
Gibt es noch weitere Gründe, die das verstärken?
SO: Das ist natürlich auch die digitale Welt, in der sich Jugendliche aufhalten. Da fehlt einfach die wahre Lebensrealität, da werden Scheinwelten aufgebaut – und so wächst die Distanz von den Schülerinnen und Schülern hin zur Berufswelt immer mehr. So kann man sich leicht ausmalen, wie schwer es fällt, dort plötzlich einzutauchen, eine so wichtige Entscheidung wie die der Berufswahl zu treffen. Es sind einfach zwei Welten, die nur sehr wenig miteinander gemein haben. Und wenn ich mich bis jetzt immer nur in der einen bewegt habe, dann kann so ein Wechsel schon sehr kompliziert sein.
Was gibt man denn den jungen Menschen am besten mit, damit sie hier eine bessere Orientierung gewinnen?
SO: Ich sage immer, dass Berufsorientierung ein aktiver Prozess ist. Viele Menschen, Eltern und Lehrkräfte, fragen plötzlich, wenn die Kinder 16 oder 17 Jahre alt sind: Was willst du jetzt eigentlich machen, was werden, welchen Beruf ergreifen? Da entsteht dann immer der Eindruck, dass einem das als jungem Menschen einfach einfallen würde. Dabei ist aber ja noch gar keine Erfahrungsgrundlage geschaffen, ich habe ja noch gar nichts erlebt. Wie soll ich denn ohne diese Grundlage eine so wichtige Entscheidung treffen? Wir lernen in unserem Leben Entscheidungen zu treffen, indem wir Erfahrungen gemacht, Dinge und Situationen erlebt haben. Verfüge ich über diese Basis nicht, ist das Risiko sehr groß, dass ich zumindest nicht die optimale Entscheidung treffe. Deswegen sage ich immer: das ist ein aktiver Prozess, also fang du selbst an, in Berufe hineinzuschauen, die Berufswelt auszukundschaften. Ein ganz wichtiger Teil sind dabei die Praktika – und wenn mir die Schule da nicht genug Möglichkeiten bietet, dann mache ich das eben freiwillig und werde selbst aktiv.
Gibt es neben Praktika noch weitere Möglichkeiten, die Sie empfehlen?
SO: Ein wichtiger Bereich sind Nebenjobs und Ehrenämter. Ich muss ja nicht darauf warten, dass mir die Schule überhaupt die Möglichkeit bietet, die Berufswelt aktiv kennenzulernen. Das kann schon im Alter von 13 Jahren starten, mit 16 Jahren kann ich schon richtig mitarbeiten, richtig tief eintauchen. Das ist ungewohnt, das ist vielleicht auch nicht immer cool, aber es hilft ungemein – und übrigens für das gesamte Leben, nicht nur für die Berufsentscheidung.
Heute gibt es ja seitens der Unternehmen häufig die Meinung, dass die Auszubildenden qualitativ schlechter als früher sind, dass es vor allem an Motivation, an diesem Aktivwerden mangelt. Was antworten Sie denen?
SO: Eigene Motivation ist etwas, was auch im Erwachsenenalter vielen Menschen immer schwerer fällt. Bei jungen Menschen ist es aber noch anspruchsvoller, weil sich in der Pubertät der Körper verändert, in den Jugendlichen einfach ganz viel los ist – da stehen ganz andere Dinge im Vordergrund. Da ist es natürlich eine sehr große Herausforderung, selbst aktiv zu werden, sich auf die Suche nach dem passenden Beruf zu machen. Das ist heute besser ein geführter und geleiteter Prozess. Und es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, das heißt, die Betriebe sollten wieder aktiver auf die Schulen zugehen und die wiederum sollten sich deutlich mehr und intensiver für diese Betriebe öffnen. Es ist also ein Aktivwerden auf allen Ebenen. Wichtig ist auch – was wir hier in unserem Unternehmen bieten –, dass die Jugendlichen Dinge ausprobieren, mitmachen können. Das ist ganz wichtig. Und es sollte nachhaltig sein, also nicht nur einmal, sondern wiederkehrend. Das schult die Perspektive für die Gesellschaft, auch das Vermögen, mit dir fremden Erwachsenen in Kontakt zu treten.
Können Sie ganz konkret ein paar Tipps für die jungen Menschen in dieser Phase geben?
SO: Mache dir eine Liste mit fünf Berufen, die du spannend findest. Suche dir für jeden drei bis fünf Unternehmen in deinem Umfeld. Lass dir beim Bewerbungsschreiben helfen und bewirb dich für Tagespraktika oder Hospitationen. Es geht einfach um praktische Orientierung, die musst du suchen, finden und ergreifen. Auch an meiner eigenen Einstellung sollte ich arbeiten, offen sein, dem Austausch mit fremden Erwachsenen offen gegenübertreten. Das ist schwer, das geht nicht auf Knopfdruck. Aber daran kann und sollte man als junger Mensch arbeiten. Ich muss einfach lernen, mir selbst etwas zuzutrauen.
Und wenn ich mich für einen Beruf entschieden habe, dann aber merke, dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe?
SO: Dann sollte ich ganz entspannt sein und mir erlauben, zu lernen. Unser Gehirn reift, bis wir Mitte 20 Jahre alt sind – übrigens vor allem das Urteilsvermögen. Und da muss ich, wenn ich einen 15-Jährigen frage, was er machen will, Verständnis dafür haben, dass das ein Lernprozess ist und die Entscheidung später anders ausfallen könnte. Aber dann hat er gelernt, dann weiß er, was er nicht machen und werden möchte – auch das ist ja eine wichtige Erfahrung. Früher hat man den Berufsweg von den Eltern vorgegeben bekommen, heute ist das meist ganz anders. Gerade wenn sich ein junger Mensch falsch entschieden hat, dann ist es wichtig, dass er von den Eltern positive Rückmeldungen bekommt, ihm Wertschätzung entgegengebracht, ihm Mut zugesprochen wird.
Also sollte man es nicht als Niederlage verbuchen?
SO: Nein, das ist ein wichtiges Lernen. Die Entscheidung nach der Schulzeit ist die erste, die die Jugendlichen in ihrem Leben selbst treffen – und dann hat die auch noch eine solch immense Tragweite. Die darf natürlich nicht mit Angst, mit Druck und Stress behaftet sein. Aber das gibt es eben häufig und es ist doch traurig, dass wir bei den jungen Menschen auch durch Studien belegt bekommen, wie es in der Realität aussieht, wie unfrei sie sich in diesen Entscheidungen eigentlich fühlen. Da sollte sich auch einmal jeder Einzelne und die Gesellschaft im Ganzen hinterfragen.
Also auch als Eltern einfach lockerer bleiben, wenn es mit dem ersten Schritt in die Berufswelt nicht so richtig klappt?
SO: Wichtig ist, seinem Kind Mut zuzusprechen, bei Problemlösungen und Entscheidungen zu helfen und zu unterstützen. Was unsere Kinder benötigen, ist viel Selbstbewusstsein und ein gutes Denken bei Problemlösungen. Ich stehe ja immer vor allem hinter den Entscheidungen, die ich selbst getroffen habe – das ist auch schon bei Sechszehnjährigen so.
Ist es denn richtig, dass Ausbildungsplatzmessen besucht werden müssen, oder wäre es nicht passender, hier auf Freiwilligkeit und nicht auf schulischen Zwang zu setzen?
SO: Das wäre dann so, als wenn man den Kindern sagen würde: Geh zur Schule, wenn du magst. Da hilft die Freiwilligkeit nicht weiter. Ich bin davon überzeugt, dass Dinge, die wir als Erwachsene gut, richtig und wichtig finden, auch vorgegeben werden müssen. Insofern ist es schon richtig, zu diesen Messen hingehen zu müssen. Wir sollten uns aber auch über die Formate Gedanken machen, das ist wichtig. Wir sagen unseren Ausstellern immer: Macht etwas mit den Jugendlichen, bietet ihnen Praxis, Raum zum Ausprobieren an. Im Kopf bleibt das Erlebnis – nicht der Kugelschreiber. Im Kopf bleibt auch: die waren freundlich, die haben mir geholfen. So etwas prägt. Deshalb gehen wir mit unserem Unternehmen in die Schulen, treffen die Schülerinnen und Schüler immer wieder, da wird vieles alltäglich, da fallen die Hemmungen – und dann fühlt sich vieles auch gar nicht mehr als schulischer Zwang an.
Wie sieht es auf Unternehmensseite aus, können Sie hier auch Tipps geben?
SO: Das Thema Unternehmenskultur ist da, glaube ich, sehr wichtig. Wenn man als Chef von oben herab agiert, wenn ein rauer Ton herrscht, dann muss man sich nicht wundern, dass es mit den Auszubildenden nicht funktioniert. Es ist nicht alleine das Geld, das die jungen Menschen heute motiviert. Wichtig ist auch der Umgangston, die Möglichkeit, mitgestalten zu können. Es geht dabei heute gar nicht nur um Lob und Feedback, sondern darum, ernst genommen zu werden. Diese Generation, die jetzt gerade heranwächst, gestaltet unser aller Zukunft. Und genau dazu müssen wir sie jetzt ermutigen, sonst resignieren sie – und das können wir uns in den aktuell herausfordernden Zeiten nun wirklich nicht leisten.
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Die Zeiten, in denen kaum jemand kam, sind vorbei.
Gott sei Dank. Jetzt kommen sie wieder busweise, drängen durch die engen Gassen, stecken…
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