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Mit Geschmack in die Zukunft: Der Essbahnhof Rietberg

Essbahnhof

Im Essbahnhof Rietberg trifft Wochenmarkt-Tradition auf modernes Einkaufserlebnis. Sarah Könighaus erzählt, warum Obst und Gemüse für sie mehr sind als nur Ware – sie sind gelebte Familiengeschichte und eine Investition in die Zukunft.

So also sieht eine Altersvorsorge aus? Mit Tomaten, die sauber geordnet in Reihe liegen? Mit Zitronengras und Weintrauben, Butterstücken, in Wachspapier eingeschlagen, Milch in Retroglasflaschen, Einkaufswagen, bei denen Griff und Korb aus Massivholz getischlert sind?

Doch, doch. Sagt Sarah Könighaus und muss dann schon ein wenig ausholen, ehe die Verbindung zwischen Obst und Altersvorsorge, Essbahnhof und Abschied vom Wochenmarkt hergestellt ist. Angefangen hat alles vor vier Generationen. Da baute die Familie Könighaus noch selbst an, fragte sich, wie sie am besten vermarkten sollte und begann, das Selbsterzeugte auf Wochenmärkten zu vertreiben. Apropos vertreiben, auch heute reibt sich Sarah Könighaus drei Mal in der Woche verschlafen die Augen, vertreibt so die Müdigkeit und bricht zu Zeiten auf zur Arbeit, zu Wochenmärkten, zu denen manch ein Feiernder gerade erst das Bett ansteuert.

2:15 Uhr ist Treffpunkt. Sagt Sarah. Und muss selbst lachen. Weil es doch verdammt früh ist, fast unwirklich klingt. Und – natürlich – auch für ihre Samstage gelte. Dann schwärmen die Teams, die Brüder Maik und Dennis, die Mitarbeitenden aus, um in der unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch im gar nicht mal so nahen Osnabrück nicht nur Wochenmärkte zu beschicken, sondern das zu verkaufen, was ihnen – man darf das so sagen – ans Herz gewachsen ist, in die Wiege gelegt wurde: Obst und Gemüse.

Würde der Lebensmittelriese mit dem großen E im Namen nicht schon mit der Liebe zu Lebensmitteln werben, hier in Rietberg, auf den Wochenmarktständen der Großfamilie Könighaus, in den Lagerhäusern, vor allem im Essbahnhof würde es (noch besser) passen. Weil jede Tomate, jeder Apfel, jede Mandarine durch unsere Hände gewandert ist. Jeden Apfel, jede Tomate? Kenne ich persönlich. Sagt die 32-Jährige und meint das durchaus ernst. Hier kennen sie jeden Erzeuger, fahren immer wieder zu ihnen, reden, diskutieren, prüfen, holen selbst die Äpfel eigenhändig aus dem Alten Land ab, geben sich nicht zufrieden mit Qualitätskontrollen, die andere für sie vornehmen wollen.

Vormachen? Tut dir irgendwann niemand mehr etwas. Wenn du in vierter Generation mit Obst und Gemüse groß geworden bist, all das hier lebst und liebst. Weiß Sarah Könighaus und schaut dabei auf einer Art Empore sitzend hinunter auf und in den Verkaufsraum des Essbahnhofs. Der war eine Lagerhalle, der Bahnhof lag nebenan, das Ganze hieß Gewerbegebiet am Bahnhof, aber es dauerte dann doch, ehe vor allem die Rietberger hier angekommen waren. Die Architektur? Preisgekrönt. Das Konzept? Einzigartig. Hier steht nicht das Bio-Prädikat im Vordergrund, sondern die Dauer der Partnerschaft zu den landwirtschaftlichen Produzenten, die Erfahrung, das Wissen, dass das, was es hier gibt, eben nicht auf der Großfläche existiert. Dabei sehen die Honigtomaten so aus, als wären sie erst auf Hochglanz poliert worden, ehe sie in den Verkaufsraum wanderten. Liegt immer eine kleine Probierschale bereit, damit nicht die Mandarine in der Schale gekauft wird, ohne sie vorab getestet, probiert zu haben. Jetzt, in der Spargelsaison, haben die strahlend weißen Stangen den Trüffel verdrängt, den es hier – und meist nur hier – vor allem in der Winterzeit aus Italien und Frankreich kommend zu kaufen gibt. Regional? Ist das im strengen Wortsinn nicht. Aber doch sehr nah produziert, weil auch hier nicht irgendwo, sondern bei Partnern, ach was, irgendwie schon bei Freunden eingekauft wird, erklärt die, die erst BWL studierte, dann in der Finanz- und Unternehmensberatungsbranche unterwegs war und irgendwann dachte und entschied: Irgendwie will ich mich nicht mehr in ausufernden Projekten ab-, sondern an und mit etwas Realem arbeiten. Also wurden die Zelte abgebrochen, noch einmal von vorne angefangen. Heute kümmert sie sich vor allem um Organisation und Personal, schätzt die Arbeit mit ihren Geschwistern, bei der es natürlich auch mal etwas turbulenter zugehe – aber immer mit einer Stoßrichtung, einem Ziel. Das perfekte Obst, das bestschmeckende Gemüse anbieten zu können.

Wenn man da oben steht, dort, wo die Menschen mittags Selbstgekochtes an Tischen sitzend zu sich nehmen, vorher beim Koch vor allem Vegetarisches geordert haben, hat man ein wenig das Gefühl, man blicke in einen Kaufladen, den man aus Kindertagen kennt. Die Eier, die der Landwirt eben nur hierher und in die eigene Auslage auf seinen Hof liefert, warten in den großen Pappstiegen nicht lange auf Kunden. Kiwis liegen in akkurater Reihe, Ananas stehen in Reih und Glied, Rote Bete wartet mal frisch geerntet, dann vorgekocht und eingeschweißt auf die, die eben nicht im Supermarkt in die Hand nehmen, prüfen, wieder weglegen wollen. All das: Haben hier längst Profis für die dankbare Kundschaft erledigt. Kein Wunder also, dass neben den Avocados ein nett gemeinter Hinweis steht. Man sollte bitte nicht an ihnen herumdrücken. Schließlich mache es sie nicht besser. Wo sie doch eh perfekt sind.

Perfekt ist der Begriff, der einem in den Sinn kommt, wenn man an den Ständen vorbeischlendert, die genau das verkörpern, was der Essbahnhof sein will: ein überdachter Wochenmarktstand. Und Wochenmarkt, da ist sich Sarah Könighaus sicher, das ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Das sei Einkaufen auf einem anderen Level, da gehe es nicht um Geld gegen Ware, sondern darum, sich bewusst zu machen, von was man sich eigentlich wie ernähre. Geld? Spielt natürlich auch hier eine Rolle. Wenn auch hier, im Essbahnhof, eher eine untergeordnete, weil der, der hier dienstags bis samstags herkommt, vor allem eins will: Qualität. Wohlwissend, dass die ihren Preis hat. Der will hier eine schöne Zeit verbringen, dem Koch zusehen, der komplett ohne Zusatzstoffe das verarbeitet, was eben noch in der Verkaufsauslage lag. Ein Steak gibt es bei ihm auch, wer mag, kann sich sogar einen Cut für den eigenen Grill mit nach Hause nehmen. Aber das Fleischangebot an sich ist überschaubar, weil die, die hierher kommen, dann doch eher Wert auf Obst und Gemüse, auf vegetarische Ernährung legen. Das nicht nur in roher Form, sondern auch vor wenigen Minuten frisch gepresst, püriert oder anders so verarbeitet, dass Abwechslung kulinarisches Einerlei ablöst.

Die ersten Einkäufer, die hierher, in den Essbahnhof kamen, reisten von weiter weg an. Weil es beim Rietberger immer etwas dauert, ehe er die Skepsis überwindet, sich mit Neuem anfreundet. Sagt Sarah Könighaus und findet das eigentlich ganz sympathisch. Man muss nicht immer auf den erstbesten Zug aufspringen. Jetzt aber, nach ein paar Jahren, ist der Essbahnhof auch bei denen angekommen, die um die Ecke wohnen, die eigentlich auch auf den Wochenmarkt gehen könnten. Aber hier ist es irgendwie – ja, was eigentlich? Überdacht, sicher. Aber eben auch durch- und bis zu Ende gedacht. Wenn Gemüse und Obst, dann bitte solches hier. Von Produzenten, die wissen, wie sehr ihre Ware geprüft, wie perfekt sie präsentiert, wie wertschätzend sie verarbeitet, verspeist wird. Am Spruch, dass der Franzose mit dem Citroën 2CV zum Sternerestaurant, der Deutsche mit dem Porsche zur Fast Food-Kette fahre, ist immer noch viel Wahres dran. Aber da drehe, ändere sich gerade etwas. Weiß Sarah Könighaus. Und setzt dabei auf das, was sie tatsächlich Altersvorsorge nennt. Weil irgendwann die Nächte dann doch zu kurz, die Anfahrtswege zu weit, die Rechnungen für das Beschicken von Wochenmärkten vielleicht irgendwann auch nicht mehr aufgehen werden. Und dann sei es sicher ein großes Glück, dass dieses kleine Schätzchen, dieser leicht versteckt in einem Industriegebiet liegende Ort existiert, der sich dem widersetzt, was heute gerade durch die Lebensmittelbranche tobt.

Hier könne man alt werden. Ist sich Sarah sicher. Als Kunde sowieso. Und als Mitinhaberin erstrecht.

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