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Zwischen Regalen und Raritäten: Gunthers Märklin-Keller im Bielefelder Osten

Wo hingucken, wo anfangen, wo aufhören?

Die Regale quellen nicht über, aber freier Platz ist in ihnen Mangelware. Alles ist fein säuberlich beschriftet, durchgeschaut, geputzt, aufgereiht, zurück in die Schachtel gelegt, sortiert. Durcheinander? Ist für Gunther ein Graus.

 

Im Laden. Wie im Leben.

Die Regale quellen nicht über, aber freier Platz ist in ihnen Mangelware. Alles ist fein säuberlich beschriftet, durchgeschaut, geputzt, aufgereiht, zurück in die Schachtel gelegt, sortiert. Durcheinander? Ist für Gunther ein Graus. 

Im Laden. Wie im Leben.

Wer ihn besucht, in seinem Hobbyladen im Bielefelder Osten, der steht erst einmal mit der Adresse in der Hand in einem Wohngebiet. Und wundert sich. Ist das hier richtig? Ist es. Sagt Gunther, wenn man den Eingang dann doch gefunden hat, die Treppe runter ins Kellergeschoss geht und in einem Raum steht, der aussieht, wie Partykeller vor vielen Jahrzehnten aussahen: von den Wänden bis zur Decke komplett getäfelt und gestrichen. Mittendrin: Gunther, 68 Jahre alt, hat mal studiert, dann einen Modellbahnladen aufgemacht in Herford, ist dann nach Bielefeld gezogen und arbeitet, ach, komm, lebt auch irgendwie hier unten im Keller. An Gästen mangelt es dabei nicht, ganz im Gegenteil. Der Radius ist dreistellig, wenn es um die Kilometer geht, aus deren Entfernung die anreisen, die mal nur gucken wollen, dann den Kofferraum voller Loks haben.

Es gibt alles und jeden. Sagt Gunther. Den, der aus dem Nachlass heruntergekommene Märklin-Eisenbahnen hierherschleppt und auf den großen Verkaufswert hofft. Und den, der echte Schätze bringt und dem das erlöste Geld relativ egal ist. Am Ende wird man sich mit Gunther fast immer einig. Sagt der, der ausschließlich mit Märklin H0 handelt. Alles andere? Da winkt er nur ab. Manchmal winkt er seinem Gast auch zu, mal mit nach oben zu kommen, die paar Treppenstufen hoch, dahin, wo er nun wirklich wohnt. Und lebt. Da schlägt sein Herz für die Modelleisenbahn Spur 1 und 0. Viele Jahrzehnte, manchmal sogar ein Jahrhundert alt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hier unten ist Gunther alles. Ankäufer und Verkäufer, Wertebestimmer und Monteur, Ratgeber und vor allem: die Auskunftsstelle, wenn es um genau diese Modelleisenbahn, die Spurweit H0 von Märklin, geht. In seinen Regalen findet sich alles. Von der alten Dampflok über das begehrte Krokodil bis hin zum ICE. Und natürlich noch von mechanisch über alle verschiedenen Stadien der Digitalisierung bis hin zu komplett digital. Wobei das dann mit der Reparatur so eine Sache ist. Bis 2005, 2010 ist alles möglich. Danach wird es kompliziert, sagt Gunther und zieht fast wie zum Beweis zig Schubkästen auf, in denen sich nur eins befindet: Ersatzteile. Bei Märklin im Werk ist er seit Jahrzehnten gelistet, bestellen muss er nur, wenn es sehr speziell wird. Alles andere hat er am Lager. Egal, ob Schraube, Kabel, Achse oder gleich ein ganzer Unterbau: Es gibt nichts, was es bei ihm nicht gibt.

Dann setzt er sich die Stirnlampe auf, weil sich schummeriges Kellerlicht und kleinste Lokomotivdetails nicht vertragen. Dann muss auch mal die Lupe helfen, der winzige Pinsel, die feingliedrige Zange. Aus der Ruhe? Lässt er sich dabei nicht bringen. Und generell eigentlich auch nicht. Es sei irgendwie einfach eine Leidenschaft und dabei deutlich mehr Schaffen als Leiden. Wer zum Verkaufen zu ihm kommt, der legt seine gebrauchten Loks hin, sieht zu, wie Gunther ins Regal greift und da die Bibel der Märklinfreunde hervorholt. In ihr findet sich der Wert jeder, wirklich jeder Lok, die jemals hergestellt wurde. Dann wird ein wenig verhandelt, noch mal genau hingeschaut und bei rund 95 Prozent der Besuche sind sich beide Partner einig. So hat er eigentlich alles schon in den Händen gehalten: den größten Mist und die seltenste Rarität. Wenn er gefragt wird, was denn noch fehlen, wo er sich wirklich freuen würde, das Sammlerherz zu hüpfen beginne, greift er wieder ins Regal. Dann aber holt er den internationalen Katalog hervor, muss nicht lange blättern, um die LMS-Lokomotiven aus England zu finden. Findest du nicht mehr. Sagt er dann. Oder wenn, dann auf Auktionen. Aber auf denen ist er nicht. Auf Börsen auch nur selten. Und im Internet sowieso nicht. Dabei ist in letzterem seine Konkurrenz unterwegs. Aber wirklich jucken tut ihn das, tut ihn die nicht. Denn wer mehrere Hunderter auf den Tisch blättert, um eine gebrauchte Märklin-Lok mitzunehmen, der will etwas anfassen, will es live sehen, ja, will es sogar riechen. Ich weiß, dass sich das verrückt anhört. Sagt er. Aber eine Märklin-Lok muss wie eine Märklin-Lok duften. Der Kenner schaut sie sich nicht groß an, der hält sie erst einmal an seine Nase und atmet tief ein. Und dann seufzend wieder aus. Weiß Gunther und man möchte nicht widersprechen. Modelleisenbahner sind verrückte Leute. Und, da ist er sich auch sicher, eine aussterbende Spezies. Nicht umsonst kommen immer mehr Menschen zu ihm, die den Kofferraum voll mit einer Sammlung des verstorbenen Vaters, Großvaters haben. Es gab Zeiten, da gab es dafür nur noch traurig wenig Geld. Aber der Preisschock sei vorbei, so wie die Krise, die Märklin vor ein paar Jahren durchmachte. Heute sind Firma und Gebrauchtpreise wieder stabil.

Aber was heißt schon gebraucht? Gunther weiß auch hier eine Antwort: Gebraucht ist eine Lok, wenn sie aus dem Laden getragen wird. Geht sie zurück, ist sie wieder neu. Aber das kommt ja eigentlich nie vor. Läuft es normal ab, dann dreht sie vielleicht ein, zwei Runden auf einem kleinen Gleisoval. Und landet dann im Regal, in der Vitrine. Gefahren? Werden sie nur sehr, sehr selten. Waggons angekoppelt? Noch seltener. Bei Gunther lagern etliche Kilometer Gleisstrecke, für die sich niemand interessiert. Während eine Güterlok im wahren Leben 20, 30 Waggons zieht, hat er davon nur überraschend wenige im Programm. Loks sind gefragt, Waggons nicht. So einfach ist das. Und wenn Märklin Jahr für Jahr Neuigkeiten auf den Markt bringt, mal limitiert, dann als Sonderedition, dann schlägt erst das Sammlerherz – und viele Jahre und Jahrzehnte Gunther zu, wenn die Sammlung aufgelöst wird. Standschäden? Sind dabei nur bei Modellen einer bestimmten Epoche zu befürchten, als das eingesetzte Öl noch zu harzen begann. Mit Entharzen? Habe ich Wochen, bestimmt Monate verbracht. Berichtet Gunther und man merkt: Der Zeit hinkt er nicht hinterher. Bei neuen Modellen, vollgestopft mit individueller Technik, ist das ganz anders. Die können direkt in die Vitrine wandern. Und fahren, nach Jahren der Ruhe aufs Gleis gesetzt, wieder los.

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