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Ein Ort für alle, die nicht mehr weiterwissen – Die Bahnhofsmission Bielefeld

Von wegen Abstellgleis

So richtig gut zu erkennen ist die Frau nicht. Mütze auf, Kapuze drüber, Reißverschluss der Jacke bis nach ganz oben gezogen. Erkennen tut Bahnhofsmissionsleiter Martin Zawieracz sie trotzdem. Stammgäste kennt man hier unten, auch wenn es Mitte Februar und damit im Keller des Bielefelder Bahnhofs saukalt ist und bei vielen nur rote Nase und tränende Augen zu sehen sind.

So richtig gut zu erkennen ist die Frau nicht. Mütze auf, Kapuze drüber, Reißverschluss der Jacke bis nach ganz oben gezogen. Erkennen tut Bahnhofsmissionsleiter Martin Zawieracz sie trotzdem. Stammgäste kennt man hier unten, auch wenn es Mitte Februar und damit im Keller des Bielefelder Bahnhofs saukalt ist und bei vielen nur rote Nase und tränende Augen zu sehen sind.

Martin grüßt nett, begrüßt den Gast und fragt, was denn das Anliegen für den Besuch der Bahnhofsmission sei. Käsestulle, Marmeladenbrot, Schokoriegel oder Tee? Es ist alles da. Die Wahl fällt auf Käse, der Dauerbrenner hier unten in den Tiefen des Gebäudes, bei der Bahnhofsmission Bielefeld, wo sich die treffen, die in Not sind. Wir sind, erzählt dann auch Martin in einer kleinen Pause, Anlaufstelle für die, die nicht mehr weiter wissen. Das kann der sein, dessen Koffer so schwer ist, dass er ihn den steilen Aufstieg in die in die Jahrzehnte gekommenen IC-Waggons nicht wuchten kann. Das ist auch mal die Familie, die mit Sack, Pack, Kind, Kegel, Kinderwagen und Gepäck körperlich überfordert ist und starke Helfer an ihrer Seite braucht. Wer schlau ist und gleichzeitig einen optimalen Ablauf bei der Bahnhofsmission gewährleisten möchte, der meldet all das frühzeitig an, füllt einen Bogen aus und kann sich sicher sein, dass ihm geholfen wird.

Käsestulle, 
Marmeladenbrot, 
Schokoriegel 
        oder Tee?

Wenn denn – und das ist die Einschränkung – die Hilfe zwischen 9 und 17 Uhr benötigt wird. Unsere Kräfte sind einfach, sagt Martin fast entschuldigend, begrenzt. Also haben sie während und vor allem nach Corona genau hingeschaut. Wann stranden die meisten, wann wird am häufigsten nach Hilfe gefragt, wann steht die Klingel am Eingang nicht still, sind mal starke Hände, dann tröstende Worte am ehesten gefragt? Herausgekommen ist diese Öffnungszeit. Montags bis freitags. Am Samstag schließt die Glastür, die den Weg zu einer weiteren Tür aus Glas und damit auch zu einer Art Schleuse freigibt, schon um 13 Uhr. Und am Sonntag öffnet sie erst gar nicht.

Dabei ist Martin als Leiter der Bahnhofsmission mit rund 35 Ehrenamtlichen, mit einem jungen Mann im Bundesfreiwilligendienst und dem hauptamtlichen Streetworker Julius Krah personell eigentlich vergleichsweise gut ausgestattet. Wer aber mal eine Stunde lang mitarbeitet, hier unten, da, wo kein Fenster für natürliches Licht sorgt, wo die Kälte durch jede Ritze kriecht und sich die Feuchtigkeit – Regen, Cola, Bier und manches Mal das, was man besser nicht genauer identifiziert – vor der Tür sammelt.

Da stehen an diesem Montagmittag die, die vor allem eines haben: Hunger. Dabei, auch da ist Martin sehr deutlich in seiner Aussage, muss in Bielefeld niemand hungern. Es gibt die Tafel, den Bielefelder Tisch, die Vesperkirche und viele weitere (ehrenamtliche) Angebote, die schnell, anonym und tatsächlich lecker helfen. So wie hier. Käsestulle, Marmeladenbrot, Schokoriegel oder

Hinten weiter, in den engen Räumen unter den Gleisen in der Bahnhofsmission, belegt gerade eine Kollegin Brote mit Camembert. Ein paar Minuten später sind sie in klassische Butterbrotstüten eingepackt, werden ausgegeben, aufgerissen, aufgegessen.

Es wird noch ein warmer Tee gereicht, es bleibt Zeit für ein kleines Pläuschchen, ehe der eine raus-, die andere reingeht. Das Klingeln der Tür, das Summen des Türöffners reißen nicht ab. Bis zu 140 Gäste kommen täglich her – vor allem dann, wenn der Monat nicht mehr jung und das Portemonnaie meist leer ist. Dabei geht es nicht nur um etwas zu Essen, um wärmende Getränke, sondern auch um einen Schlafplatz, um medizinische Versorgung, psychische Betreuung. Wer hier arbeitet, sagt Julius – 26-jähriger Sozialarbeiter und doch schon sturmerprobt – , der hat eigentlich alles gesehen. Offene Wunden, die längst versorgt, genäht, desinfiziert hätten werden müssen. Übermüdete, Rausch ausschlafende, Überdrehte, Aggressive, Depressive, Menschen, die drohen, sich vor den hier unten eben nicht nur sprichwörtlichen Zug zu werfen, wenn ihnen nicht sofort geholfen werde. Was dann häufig fehlt, ist zweierlei: Raum und Zeit. Denn einen echten Rückzugsort gibt es hier unten nicht. Und es fühlt sich hier nach allem an. Nur nicht nach Langeweile. Woran es aber nicht fehlt, ist Improvisationsvermögen und Flexibilität. Dann eben mit dem Gast raus vor die Tür,

hoch an die frische Luft gehen. Einatmen, beruhigen, Lösungen suchen. Und finden. Meist hilft das Brett schon weiter, das direkt neben dem Empfang hängt und auf dem sich collageartig all die Hilfsangebote finden, die das Netzwerk in Bielefeld so hergibt. Telefonnummer und Ansprechpartner warten hier auf den Fall der Fälle.

Weitergegeben wird an diesem Februarmontag vor allem Käsebrot. Das gehe immer. Erzählt Martin, auch wenn er weiß, dass es auch das eben nicht immer gibt. Wenn sie zur Tafel, zu Supermärkten, zu anderen Spendern fahren, dann wissen sie nie, mit was sie zurückkommen. Lecker ist es aber eigentlich immer. Weiß Julius. Und beschweren tut sich kaum jemand. Heute ist eh alles sehr freundlich vor dem Plexiglasschutz. Es wird sich bedankt, zugenickt, gelacht. Aber das könne sich schlagartig ändern, wissen alle, die hier arbeiten. Es sei eine Art Wellenbewegung, die die Arbeit der Bahnhofmission, die von der Diakonie für Bielefeld und vom Caritasverband Bielefeld getragen wird, immer wieder trifft. Erstes Mittel bei aggressivem Auftreten ist immer deeskalierendes Verhalten, Beschwichtigen, Ärger mit Freundlichkeit begegnen. Hilft das nicht, helfen die Kollegen von der DB-Sicherheit, der Bundespolizei.

Aber eigentlich sind wir ja die Good Guys – und wollen das auch bleiben. Sagt Martin und setzt immer erst auf Deeskalation. Das klappt häufig. Auch, weil sie hier einen Großteil derer, die herkommen, kennen.

Und manches Mal sogar vermissen, sich Sorgen machen, wenn sie nicht im gewohnten Rhythmus hier auftauchen. Meist geht Streetworker Julius dann mal los, mal schauen, wo wer steckt. Er erzählt dabei denen, die gar nichts von der Existenz der Bahnhofsmission wissen, dass es sie gibt, wie sie hilft, welchen Teil sie in dem Hilfsnetzwerk in Bielefeld darstellt. Und manchmal muss er auch aufgeregten Passanten erklären, dass es natürlich eine gute Idee wäre, wenn der Barfüßige da vorne bei den Temperaturen besser Socken und Schuhe tragen würde. Er das aber nicht wolle. Und man das – auch wenn es schwerfällt – eben auch akzeptieren, aushalten müsse.

Dabei verfügen sie hier unten sogar über eine kleine Kleiderkammer, über Iso-Matten und Schlafsäcke, die sie herausgeben. Das Einzige, was es nicht gibt, ist Bargeld. Weil wir schon gerne wissen wollen, wie wir helfen, dass unsere Hilfe direkt bei dem ankommt, der sie abholt. Sagt Martin. Aber danach, also nach Geld, fragt eigentlich auch niemand. Dann lieber den Schokoriegel in die tiefe Jackentasche fallen lassen, noch ein Haushaltspapier um den Teepappbecker gebunden bekommen, damit die eisigen Finger nicht plötzlich verbrühen. All das: immer anonym, immer freundlich. Nichts, was hier passiert, geschieht, aufregt, dringt nach draußen. Vornamen? Bleiben, wenn überhaupt bekannt, hier unten. Nachnamen? Gibt es erst gar nicht. Jetzt gerade: nur eine triefende, rote Nase und zwei Augen, die plötzlich, beim Biss ins Käsebrot, anfangen zu leuchten.

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