Briefmarken auch? Sicher. Schön. Und erstaunlich zugleich. Sagt sich der, der im Kiosk am Siggi steht. Der Raum? Äußerst begrenzt. Das Angebot? Eher grenzenlos.
Briefmarken auch?
Sicher.
Und erstaunlich zugleich.
Sagt sich der, der im
Kiosk am Siggi steht.
Der Raum?
Äußerst begrenzt.
Das Angebot?
Eher grenzenlos.
Wir versuchen hier, möglichst viele Wünsche zu erfüllen. Sagt dann auch Kirsten Künsebeck, die vor 19 Jahren – im Gründungsjahr – hier ihr FSJ absolvierte und heute als Ansprechpartnerin vor Ort dient. Das heißt für sie: Die Zahlen im Blick behalten, den Einkauf steuern, das Personal einteilen – und eben auch mal Briefmarken verkaufen, wenn danach gefragt wird. Dabei sind die Postwertzeichen eigentlich nur eine Randnotiz im Sortiment, ein durchlaufender Posten und nicht zu vergleichen mit den Kaffeemassen, die hier durch die Filter laufen. 2.000 Pötte Kaffee können das schon mal sein – im Monat. 1,50 Euro kostet der Pott im Mehrwegbecher, 30 Cent mehr, wer ihn nun partout mit nach Hause oder sonst wohin nehmen möchte.
Wir haben da schon einen kleinen pädagogischen Auftrag
Sagt Kirsten Künsebeck und muss ein wenig lachen. Deutlich größer ist der Auftrag, wenn es darum geht, hier im Kiosk den mitarbeitenden Menschen wieder eine Tagesstruktur zu geben, sie zurück in den Lebensalltag, raus aus alle dem, was eine psychische Erkrankung so mit sich bringt, sanft zu schieben.
Denn der Kiosk am Siggi ist natürlich Treffpunkt und Getränkekühlschrank, Zigarettenautomat und Süßigkeitentüte. Aber eben auch und vor allem ein Projekt der GfS, der Gesellschaft für Sozialarbeit Bielefeld e. V., das sich denen widmet, die so sind wie Andrea. Die gießt an diesem Junimorgen dampfende Kaffee in GfS-Becher, zählt Kleingeld ab und gibt Tabak raus. Seit drei Jahren ist die 52-Jährige schon hier – und wenn es nach ihr gehe, könne das gerne immer so weiter gehen. Eine psychische Erkrankung hat sie vor Jahren aus der Bahn geworfen, andere Beschwerden kamen hinzu. Heute ist sie in die Pflegestufe 2 eingruppiert und damit nicht mehr kompatibel mit dem, was das Bürokratendeutsch Ersten Arbeitsmarkt nennt. Dabei ist es sogar Voraussetzung, um hier arbeiten zu können, dass man, wieder so ein Wort, eingliederungsbedürftig ist und keine Leistung von der Agentur für Arbeit empfängt. Erklärt Kirsten Künsebeck und man merkt, dass es eigentlich auch einfacher gehen könnte. Aber eben nicht darf.
Fünfzehn Personen erfüllen aktuell diese Vorgaben – und haben vor allem Lust drauf, hier nicht nur zu verkaufen, sondern sich zu kümmern, auch mal ein Ohr denen zu leihen, deren Probleme noch größer als die eigenen zu sein scheinen. Negatives? Gibt es nicht zu berichten, sagt Andrea. Sicher, der ein oder andere werde mal ein bisschen ungehalten, wenn er merkt, dass der Spruch Kein Bier vor Vier hier eben kein Spruch, sondern ernst gemeint ist. Aber eigentlich wisse das jeder und jede.
Die meisten kommen eh als Stammgäste her, treffen sich zum Frühstück, angeln sich Süßes aus Boxen, greifen bei Getränken zu, die wenn möglich aus der Nachbarschaft angeliefert werden. So hat die Fritz Cola gerade zugunsten der Bielefelder Kola und Limo den Kühlschrank verlassen. Weil doch das Thema Nachbarschaft eines ist, das all das hier eh trage. Sicher, im Sommer sitzen hier auch sehr viele Studenten vor allem abends und decken sich mit so Allerlei im Kiosk ein. Aber meist sind es dann doch die, die immer, häufig sogar täglich hierherkommen. Die Andrea und ihre Kollegen beim Namen kennen, bei denen sie nicht mehr nachfragen müssen, ob der Kaffee nun schwarz oder mit Milch rausgegeben werden soll. Nebenbei: Der kostete vor ein paar Monaten noch 50 Cent weniger. Aber unsere Kalkulation hat einfach nicht mehr hingehauen, auch wenn wir wissen, dass viele, die hierherkommen, nur wenig haben. Entschuldigt sich Kirsten Künsebeck fast ein bisschen.
Die Preise aber sind auch nach solch notwendigen Anhebungen moderat. Auch wenn die, die hier anliefern, nicht mal großzügig abrunden, wenn es um die Unterstützung des sozialen Projektes geht. Geschäft ist Geschäft. Auch hier.
Am Laufen halten das Geschäft die, die früher schwer zu finden waren. Weil man nicht gerne in der Öffentlichkeit steht, wenn man psychische Probleme hatte. Könnte man meinen.
Aber mir hat es mit den vielen Menschen um mich herum sofort viel Spaß gemacht.
Sagt Andrea und versteht, warum die GfS kurz davorsteht, eine Warteliste für die zu öffnen, die hier meist vier bis 15 Stunden die Woche arbeiten. Für alle Personen sei man dabei offen. Sagt Kirsten Künsebeck und schränkt dann doch kurz ein: Das mit der Eingliederungshilfe müsse passen. Das mit dem Geld von der Agentur für Arbeit auch. Und in Bielefeld müssten sie schon wohnen. Sonst aber gilt: Direkt melden und sich mal umschauen in einem Häuschen, das vor 19 Jahren als Kiosk am Siggi gegründet wurde. Übernommen von einem, der hier rein unternehmerisch tätig war. Davor war es das, woran heute nur noch der Schlüssel erinnert, der an die rausgegeben wird, die dringend mal etwas erledigen müssen: Ein öffentliches WC.
All das aber: Geschichte. Heute schreibt der Kiosk meist schwarze Zahlen, öffnet er immer. Also fast. Am zweiten Weihnachtstag machen sie Inventur, an Neujahr zu. Sonst aber, Silvester, Heiligabend, Sonn- und Feiertags: Tür auf. Wann genau, ist dann schon etwas komplizierter. An Markttagen um 6 Uhr, sonst 7 Uhr, samstags 8 Uhr, sonntags 9 Uhr. Und abgeschlossen wird um 20 Uhr. Es sei denn, es ist schön draußen und voll drinnen. Dann spätestens um 22 Uhr.
Was es, egal zu welcher Tageszeit, nicht gibt: Hochprozentiges. Bei Prosecco ist Schluss. Da sind sich hier alle einig. Also hinter der Verkaufstheke. Weil man Alkoholismus nicht unterstützen, und den Problemen, die damit zwangsläufig verbunden sind, nicht direkt begegnen möchte. Dabei sind Getränke eine der festen Umsatzgrößen des Kioskes. Und ein Grund dafür, dass die Zeitschriftenwand bald etwas kleiner wird, um einen weiteren Kühlschrank aufstellen zu können.
Also eine Tür mehr, die geöffnet wird, aus der die Flasche rausgenommen, mitgenommen, auf die Theke vor Andrea gestellt wird. Die Preise? Braucht sie nicht nachzugucken, kennt sie alle aus dem Effeff.
Weil das hier ja meine Arbeit ist. Und irgendwie die einzige zu sein scheint, die für mich gemacht ist. Und so richtig passt.
Klingel drücken. Hallo sagen. Treppe hoch. Durch die Tür. Kurzes Hallo zurückbekommen. Zum Chef geführt werden. Ankommen. Frederik…
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