Klingel drücken. Hallo sagen. Treppe hoch. Durch die Tür. Kurzes Hallo zurückbekommen. Zum Chef geführt werden. Ankommen. Frederik Flötotto sitzt hinter seinem Schreibtisch auf einem Stuhl, der ganz sicher nicht für Schulen gedacht ist. Es ist eher ein Desginmodell. Vielleicht sogar eine Studie. Wer weiß.
Klingel drücken. Hallo sagen. Treppe hoch. Durch die Tür. Kurzes Hallo zurückbekommen. Zum Chef geführt werden. Ankommen.
Frederik Flötotto sitzt hinter seinem Schreibtisch auf einem Stuhl, der ganz sicher nicht für Schulen gedacht ist. Es ist eher ein Desginmodell. Vielleicht sogar eine Studie. Wer weiß. Das Thema Designmöbel, das einmal fest verknüpft mit dem einprägsamen Namen Flötotto war: vorbei. Und dabei, geht es nach Frederik Flötotto, könne es gerne auch bleiben. Also dem Ende der Flötotto-Designmöbelproduktion. Und dem Reden darüber. Dann doch lieber über die Rückkehr zu den Wurzeln, zum Schulmöbel sprechen.
Also nur ganz kurz, für die, die nicht wissen, was all das bedeutet: Flötotto war der Hersteller von Schulmobiliar ab den 50er-Jahren. Dann sollten es eben auch, später sogar nur noch, Designmöbel Made in Germany sein. Bis Flötotto erst das Kleingeld fehlte. Und irgendwann auch das große Geld. Was folgte, war folgerichtig und tragisch zugleich: die Insolvenz. Und damit ist’s jetzt auch mal gut, sagt Frederik Flötotto und richtet den Blick durch die dickrandige Designerbrille seit sechs Jahren viel lieber und nun ohne väterlichen Beistand ausschließlich nach vorn, in die Welt der Möbler.
Dabei wollte er eigentlich Architekt werden, vielleicht auch Industriedesigner. Was er heute ja eigentlich irgendwie auch ist. Aber dazu später. Erst einmal studierte er BWL. Der Sicherheit wegen. Und ging dann nicht ins väterliche Unternehmen, sondern als Jüngster der drei Geschwister in die Schuhbranche. Der Perspektive wegen.
Irgendwann dann der Bruch mit den Markenschuhen und die Idee, doch einzusteigen in ein Unternehmen, das, man dürfe das in der Rückschau ruhig so sagen, eher patriarchisch geführt wurde. Also einsteigen. Und irgendwie viel zu schnell wieder aussteigen, weil das mit der Idee Designmöbel Made in Germany dann zwar groß, aber irgendwie nicht zu Ende gedacht war.
Der Neustart von Flötotto aber gelang ganz anders. Und allein. Frederik Flötotto hält alle Anteile an Flötotto 2.0 selbst und wenn mal ein skandinavisches Unternehmen schüchtern anklopft und anfragt, ob da verkaufsmäßig etwas gehe, nickt er erst dankend und sagt dann ebenso freundlich und kopfschüttelnd ab. Partnerschaft? Immer. Verkaufen? Nie.
Dazu ist die Pflanze, die da in der Manufaktur, in dem Backsteingebäude bei Güterslohs bekanntestem Design- Optiker, gerade wächst, noch zu zart. Und zu spannend allemal. Was sie hier genau machen? Könnte man als Möbel bezeichnen. Schulmöbel besser gesagt, weil schon der Großvater damals, in den 50ern, eigentlich jedem und jeder, die zur Schule ging, den passenden Stuhl unter- und an den ebenso passenden Tisch schob. Aber Flötotto, wie die Firma auch heute (wieder) heißt, sieht sich nicht als Zusammenschrauber von Gestell und Sitzfläche. Das sei alles andere als kompliziert und am Ende nur das logische Ende all der Vorarbeit, die viele nicht sähen und die doch den Großteil ihrer Arbeit ausmache.
Schule verändert sich gerade. Gott sei Dank. Sagt Flötotto. Während die Architektur schon seit längerem schicker, moderner werde, wenn es um Schulbauten gehe, kümmere man sich jetzt so langsam und: endlich auch um das, was doch viel wichtiger als Fassade, Fenster, Eingang und Dach sei: das Innenleben. Frontalunterricht? Schnee von gestern. Klassenunterricht hinter verschlossener Tür? Sowas von 70er. Dann lieber einmal alles auf den Kopf stellen, Bedürfnisse erkunden, neu denken, neu konzipieren, mutig sein. Wer sich all das, als Architekt, als Schulträger, auch als Schulleiter (zu)traut, der landet schnell beim Flötotto-Team in Gütersloh, später in der Produktion in Tschechien.
Was dann passiert, ist das große Einmaleins der Produktentwicklung. Erstmal zuhören, dann hospitieren, workshoppen, dann immer tiefer eintauchen, lernen, verstehen, ausdenken, zeichnen, visualisieren, präsentieren. Sagt Frederik Flötotto und weiß: Das, was sich da mein rund 20-köpfiges Team ausgedacht hat, wird manches Mal nicht von mir, sondern vom Architekten selbst denen vorgestellt, die schnell nach den Kosten und erst danach nach Qualität und Wirkung fragen. Ob ihn das ärgere? Ach was. Er wisse ja, was er, was sein Team leiste. Und wenn am Ende das Schild Flötotto an den Möbeln klebe, der Bereich Referenzen auf der eigenen Webseite weiter anwachse, sei doch alles in Ordnung. Merkwürdigerweise sei dann, wenn das Konzept vorgestellt wurde, alle Beteiligten verstanden haben, dass es eben nicht nur um die Zahl unten rechts, sondern gerade bei Schülerinnen und Schülern, bei der Entwicklung neuer Generationen um viel, viel mehr gehe, plötzlich eine neue Sichtweise der Entscheider da. Und der Zuschlag nicht mehr fern.
Wenn das soweit ist, gehen die Pläne und Bestellungen nach einer umfassenden Feinplanungsphase an den Ort, den Flötotto früher als „im Süden“ liegend bezeichnete, fragte man ihn nach dem Produktionsstandort. Den Fehler vom Vater wiederholen, noch mal in Deutschland produzieren? Niemals. Also ging er nach Tschechien, beteiligte sich erst, baute dann parallel neu und kann nun auf zwei gerade mal drei Kilometer auseinander liegende Produktionsstätten und rund 180 Mitarbeitende zugreifen, die in einer Qualität arbeiten, die man hier nicht mehr oder zumindest nur sehr selten bekomme. Sagt er. Und jetzt, seit wenigen Jahren auch, dass er eben nicht im Süden, sondern, genau, in Tschechien produziere. Und dass im Möbelbereich der Begriff Made in Germany gar nicht mehr ein soooo großer Qualitätsgarant wie früher sei. Man in Osteuropa sehr, sehr modern und vor allem noch ein bisschen besser produzieren könne. Stutzen? Nachfragen gar? Tut heute eigentlich niemand mehr. Die Zeiten ändern sich eben. Wobei es in der Möbelbranche gerade so rasant mit den Änderungen voran geht, dass viele auf der Strecke bleiben. All das? Schaut sich Frederik Flötotto mit großem Mitgefühl an. Er wisse schließlich, was das heiße. Abzuschließen, zuzumachen, Pläne und Träume zu begraben.
Er selbst guckt dann doch lieber schnell nach vorne. Rüber zu denen, bei denen sich gerade auch sehr, sehr viel ändere. Birkenstock und Batiktuch? Das war einmal vorherrschend in deutschen Lehrerzimmern. Aber auch da ändere sich gerade viel, hätten sie etwa gerade eben ein Schulinnenleben umgesetzt, in dem keine einzige Tür zu finden sei. Wer sagt denn auch, dass eine Schulstunde 45 Minuten lang sein, Lernen im Klassenraum, in Reih und Glied stattfinden müsse? Niemand. Es steht noch nicht einmal irgendwo geschrieben. Sondern ist ein Relikt aus, nun, sehr alter Zeit.
Kommt Frederik Flötotto ungebremst in Fahrt, dann beginnt er zu philosophieren über den Begriff Unterricht, der ja schon so etwas Hierarchisches an sich habe, der Militärsprache entspringe und nicht nur deshalb vor allem eins sei: fehl am Platze. Und genau darum will er sich kümmern: Um den Platz, den Raum, der die umgibt, die lernen sollen und wollen. Für das Leben, nicht für die Note. Es sei, da seien sich alle im Team einig, höchst sinnstiftend, daran mitzuarbeiten.
Die, die für so etwas natürlich am empfänglichsten sind, sind die, die Schule eh neu denken. Neue Schulträger, offene, alternative Pädagogikansätze, Schulen fernab des pädagogischen Mainstreams. Aber eben nicht nur. So langsam denken und schwenken auch die großen, die staatlichen Schulen um. Meist im Rahmen des Projektes Startchancenprogramm, immer häufiger aber auch, wenn neu gebaut oder wenigstens saniert wird. Was sich da die neue Regierung auf die Fahnen geschrieben hat, sollte also auch Flötotto zu noch mehr Rückenwind verhelfen. Auch wenn hier niemand darauf setzt, es herbeisehnt. Sondern einfach mitnimmt.
Wir steigen also ein in die schulpädagogische Diskussion, sprechen über die, die beim Lernen bislang immer zurückgelassen wurden, auch über die, die mal schneller von Begriff sind und neben denen sitzen, die dafür deutlich länger brauchen.
Über Ruhezonen und Rückzugsorte, über Buntes und aus Holz Gefertigtes, Gläsernes und vor allem über Sitzmöbel, die nicht träge machen, sondern aktivieren.
Ganz am Ende, die Interviewzeit ist längst vorbei, noch eine Frage. Wenn all das hier ruht, wenn das Licht ausgeschaltet, die Tür abgeschlossen ist – was bewegt einen wie Frederik Flötotto eigentlich dann? Die Antwort: Schule.
Und man möchte schon die Stirn krausziehen und hinterher geben, dass die Frage doch nicht so gemeint sei, man doch nicht hören wolle, dass nach der Arbeit auch irgendwie Arbeit sei. Irgendwann ist auch mal gut. Denken wir. Aber es ist ganz anders gemeint.
Flötotto baut, betreibt, ach, steckt jetzt irgendwie drin in einer echten, eigenen Schule. In Schloß Holte wird sie am 26. August eröffnet, das Unternehmen Flötotto ist Teilhaber, wenn man so will. Vor allem aber: Ideengeber und Umsetzer zugleich. Eine Grundschule, einzügig startend, mit neun Kolleginnen und Kollegen, die den Ruhestand gerne neugierig gegen etwas Neues tauschen. Und Lehrerinnen und Lehrern, die das Beamtentum an den Nagel hängen und hier auch neu anfangen. Es sei, sagt Frederik Flötotto, und jetzt ist er nicht nur in seinem Element, sondern tatsächlich noch tiefer drin in dem, was ihn bewegt, von allem etwas. Ehrenamtliches Engagement, folgerichtige Weiterentwicklung, riesiges Abenteuer, Chance und Lebenstraum. Und natürlich auch eine große Spielwiese, in der sie Neuentwicklungen bringen, ausprobieren, wieder zuhören, wieder selbst lernen könnten. Das mit dem Lernen? Das hört nie auf. Vor allem nicht bei einem, bei dem die Wurzeln genau da liegen. Und endlich wieder aktueller denn je sind.
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