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Kabarettist Bernd Gieseking lädt zum Jahresrückblick

Der Blick zurück

Auf die Frage, wie alt er denn sei, muss Bernd Gieseking ein wenig überlegen. 64. Noch. Antwortet er dann doch. Und man denkt sich:

wie lange hält so ein Noch? Wann wird aus der 64 die 65?

Auf die Frage, wie alt er denn sei, muss Bernd Gieseking ein wenig überlegen. 64. Noch. Antwortet er dann doch. Und man denkt sich:
wie lange hält so ein Noch? Wann wird aus der 64 die 65?

Ist aber eigentlich auch egal, weil sich im Alter vieles relativiert – vor allem das Alter selbst. Dabei lebt Bernd Gieseking aber, wenn man so will, vom Wechsel von einem ins nächste Jahr. Denn seine Jahresrückblicke sind legendär, er startete, was heute von den Dieter Nuhrs dieser Welt fast inflationär aufgenommen und fortgeführt wurde. Starten tut der Kabarettist aus Minden mit den Notizen immer gleich zu Beginn des Jahres, wenn man so will am 1. Januar. Da ist er aber schon fast anderthalb Monate mit dem „alten“ Rückblick auf Tournee, der startet immer Ende November und geht bis in den Februar. Dann notiert er, wägt ab, überlegt sich, ob das, was da gerade in den Nachrichten läuft, nicht etwas für seinen Jahresrückblick sei. Der hat längst keinen Anspruch auf Vollständigkeit – die aktuelle Nachrichtenlage sorge eh locker dafür, dass er mit einem Rückblick sein Publikum eine ganze Woche lang bespielen könne. Er geht da lieber ganz anders vor; seit 30 Jahren. Mixt Weltpolitisches mit dem Geschehen am eigenen Küchentisch, schaut mal Putin, dann sich selbst über die Schulter und weiß: All das, was ich erzähle, interessiert vor allem einen: mich.

Dass das so nicht richtig ist, weiß er selbst. Oder besser: Was ihn interessiert, interessiert auch viele andere. Dabei spielt er sein Programm erst in kleinen Locations. Das ist dann keine Probe, trotzdem ein Probieren, ein „Wirkungstest“, oft etwas zu lang. Gieseking erzählt nicht nur, sondern nimmt jede Reaktion wahr, feilt danach noch weiter an Inhalten, Tiefe und Tempo, ehe er seinen Stuhl auf die großen Bühnen in der Umgebung stellt.

Vielleicht lässt sich dieses Finetuning, dieses Heranarbeiten mit seiner beruflichen Herkunft erklären. Als gelernter Zimmermann bearbeitete er Holz, bis es passte. Als Zivildienstleistender half er denen, die nicht oder nur selten sesshaft waren. Danach dann das Studium der Kunst, der Theologie für das Lehramt und immer wieder das Ausprobieren, Verwerfen, Weiter-unterwegs-Sein, bis feststand: Ich werde, nein, ich bin eigentlich schon Solo-Kabarettist. Die Mindener Stichlinge waren nicht fern, sondern sehr nah, hier begann seine Bühnenkarriere, die er heute als Autor von mehreren Büchern und wiederkehrenden Zeitungsartikeln auf zwei sichere Beine gestellt hat. All das: Irgendwie immer eine Mischung aus Zu- und Glücksfall, er sei, sagt er selbst, ein Zehnkämpfer, kein Star, eher so gesundes Mittelfeld, mal im Radio zu finden, dann in der Zeitung, im Bücherregal, am liebsten auf der Bühne.

Corona traf auch ihn, er nannte es eine Riesenirritation, aber auch wenn er von Berufs wegen viel nach hinten schaut, will er jetzt seinen Blick nicht auf der Zeit ruhen lassen, in der er nicht wusste, wie was wann weitergehen würde. Den wirft er aktuell lieber auf alles, was sich in Ostwestfalen versteckt. Und gemeint sei da nicht das Thema Fachwerk, was ihn – Stichwort Zimmermann – seit jeher beschäftigt, anzieht, persönlich wie räumlich. Sehe ich ein Fachwerk, muss ich da hin, näher ran, anschauen, anfassen. Sagt er.

Jetzt aber will er noch viel mehr sehen, entdecken. So fährt, wandert, reist er durch Ostwestfalen, trifft Menschen, notiert Geschichten, sammelt, speichert ab. Und wird schon wissen, was er aus alledem macht, was draus wird, für sein Publikum, für seine Leserschaft, die er als sehr, sehr treu bezeichnet.

Die lesen von ihm in der TAZ oder in Büchern, die häufig in Finnland entstehen. Dort ist er einmal im Jahr, war aber auch schon auf Lesereise, elf Tage lang zu neun Auftritten im ganzen Land, besuchte dabei fünf Saunen und war in zwei Eislöchern. Bei den Reisen entsteht fast immer der Stoff für Bücher, die den Wortwitz mit den Worten Finde und Finne aufnehmen, in Titeln wie „Finne dein Glück“ enden und die Themen Mitternachtssonne und Glücklichsein erst vorder-, dann tiefgründig aufgreifen. Zurück in Ostwestfalen greift Bernd Gieseking zum Notiz- und Adressbuch, ruft, schreibt die an, die auch aus OWL stammen und sich dem Kabarett, der Kleinkunst verschrieben haben. Da fragt er nach, ob er mal vorbeikommen dürfe, sie mal auf Entdeckungsreise gehen könnten. Geile Sachen habe er da schon erlebt. Sagt Gieseking wirklich. Und noch viel geilere Sachen gäbe es noch zu entdecken. Ist er sich sicher. Auch wenn er das nicht so sagt.

Am Ende unseres Gespräches sind wir wieder bei der 64. Oder der 65, wie man es nimmt, weil jetzt, wo der Text hier gedruckt ist, wird die 65 wohl erreicht sein. Da könnte man ans Aufhören denken. Fragen wir. Das könnte man auch ganz schnell wieder vergessen, das mit dem Aufhören. Antwortet Gieseking. Er sei schließlich in der formidablen Situation, dass durch seine leicht turbulente Vita am Ende etwas erreicht worden sei, was Leidenschaft und Lebenstraum perfekt miteinander ver- binde. Kabarett, das sei doch der perfekte Weg, um in Würde zu altern. Fügt er noch an. Und jetzt, bitte, nicht weiter über das Alter sinnieren. Jetzt ist erst einmal Hochsaison beim Jahresrückblick, für den brauche es nun mal das Altern, das Abschließen eines Jahres, ganz ohne Sentimentalität. Und wer einen Blick auf die Termine Giesekings, auf die Buchung des Jahresrückblicks zur Jahreswende wirft, der erkennt, das Programm heißt nicht ohne Grund: Ab dafür! Weil es ein echter Dauerläufer ist. Seit mehr als 30 Jahren. Auch mit 65.

Nr 34

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