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Lecker: Vegane Schokolade von nixTier

Voll ohne Milch

Die Situation könnte idyllischer kaum sein. Drinnen fließt warme Schokolade in eine gerade polierte Form, beim Blick durch das Fenster sieht man draußen drei Pferde auf der Wiese direkt am Haus grasen. Der Weimaraner „Batman“ liegt zu unseren Füßen, Frank Pape greift in ein hohes Glas, nimmt ein paar Erdnüsse heraus und lässt sie auf die Formen fallen, wo sie sofort in der warmen Schokolade versinken.

wir. Weiß er.

Die Situation könnte idyllischer kaum sein. Drinnen fließt warme Schokolade in eine gerade polierte Form, beim Blick durch das Fenster sieht man draußen drei Pferde auf der Wiese direkt am Haus grasen. Der Weimaraner „Batman“ liegt zu unseren Füßen, Frank Pape greift in ein hohes Glas, nimmt ein paar Erdnüsse heraus und lässt sie auf die Formen fallen, wo sie sofort in der warmen Schokolade versinken.

Ein Stockwerk tiefer aber ist alles anders. Wir sind ein ganz normales Hospiz, eines, wo gestorben wird. Sagt Frank Pape. Und es klingt wirklich so: normal. Dabei ist die Geschichte, die sich hinter alledem verbirgt, alles andere als das.

Du kennst die gar nicht? Fragt Frank Pape und es fühlt sich ein wenig unangenehm an, nicken zu müssen. Was dann folgt ist eine Flut von Informationen, ein Rundgang durch das Haus, raus zu den Pferden, in ein Sterbezimmer, an einem Filmplakat vorbei, das Til Schweiger zeigt und dessen Grundidee – also hinter dem Film, nicht hinter dem Plakat –, die auch etwas mit der ganzen Geschichte zu tun hat. Wir könnten nun ganz von vorne anfangen, da, wo alles begann. Aber wir sind hier, um Schokolade zu probieren, rauszufinden, warum einer, der den Meisterbrief des Konditorenhandwerks in der Tasche hat, sagt: Ende 2024 gibt es bei uns nur noch vegane Schokolade. Milch? Braucht darin kein Mensch.

Besuchen können und kommen ihn nur wenige. Hier oben, im ersten Stockwerk, zu dem eine steile Treppe hinaufführt. Der Großteil des Geschäfts läuft eh über den Webshop, Pakete stapeln sich auf den Tischen, um mit Schokolade gefüllt an Privatpersonen und vor allem Unternehmen verschickt zu werden. Beide wissen: Das, wie hier hergestellt, produziert wird, nennt sich höfische Herstellung. Und meint vor allem: einen Mix aus sehr viel Erfahrung, Geduld und Zeit – gepaart mit besten Zutaten, versteht sich. Aber eben auch: ganz ohne Milch. Bei dunkler Schokolade? Sei das selbstverständlich. Bei Voll„milch“schokolade ein weiter Weg gewesen. Aber das Ziel ist erreicht; Frank Pape nimmt einen kleinen Teelöffel, hält ihn in die hellbraune, flüssige Masse, reicht ihn rüber und ist nicht überrascht, als wir wieder nur nicken. Sehr gut. Sagen wir. Weiß er.

Voll im Geschmack und vor allem lange, sehr lange immer neue Geschmacksnoten im Mund entwickelnd. Frank Pape nickt auch – genau das mache die von ihm hergestellte Schokolade aus, 35 Sekunden, um genau zu sein. So lange entwickelt, entfaltet sich das, was er reingegeben hat, an Erfahrung und Zutaten, an Qualität und Wissen. Bei der weißen Schokolade? Funktioniere das auch schon gut. Auch hier: Löffel nehmen, reinstecken, rüberreichen. Doch, schmeckt. Sagen wir. Aber eben noch nicht perfekt. Weiß Frank Pape und deshalb wird er weiter probieren, wird die Zusammenstellung um eine Winzigkeit verändern, wird den Herstellungsprozess dann doch noch ein wenig optimieren. Bis er sagen kann: Milch? Braucht kein Mensch. Und vor allem keine Schokolade.

Ob er eigentlich Milch in seinen Kaffee trinkt? Haben wir vergessen, zu fragen. Aber Vollmilch wird es wohl nicht sein. Dabei kennt er sich mit Kaffee sehr, sehr gut aus. Denn eigentlich war und ist das hier eine Kaffeerösterei, aber irgendwann stellte er einerseits fest, dass der Ertrag nicht ausreichte und andererseits, dass technisch gesehen das Rösten von Kaffee und die Herstellung von Schokolade sehr nah beieinander liegen. Also erst Kaffee, dann Schokolade, heute beides parallel nebeneinander, und welches Unternehmen verschenkt nicht gerne beides, bietet nicht beides in seinen Besuchsund Besprechungsräumen an?

Das könnte eigentlich das Ende der Geschichte sein. Die eines 53-Jährigen in Preußisch Oldendorf, der viele Jahre lang Unternehmensberater war, dann begann, aus reiner Neugierde Kaffee zu rösten, Job gegen Hobby tauschte, irgendwann die Schokolade als zusätzliches Standbein entdeckte und seitdem die schwarze Konditorenjacke anzieht, die Mütze aufsetzt, rührt und Temperatur misst, Schokoformen poliert und befüllt, Päckchen packt und Rechnungen schreibt.

Aber die Geschichte ist eigentlich eine ganz andere. Als die Tochter von Frank und Nicole mit 15 Jahren erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist, ändert sich alles. Und das meint: Wirklich alles. 296 Tage später ist die Tochter verstorben, schreibt Frank Pape auf, wie genau diese Tage abgelaufen sind. Das Buch? Ein großer Erfolg. Der Plot daraus? So gut, dass sich Til Schweiger dafür nicht nur interessiert, sondern einen Kinofilm daraus dreht. Viel wichtiger aber: Frank und Nicole krempeln ihr Leben einmal auf links. Ab sofort begleiten sie die, deren Zeit bald abläuft. Die mal einen Rückzugsort auf Zeit, dann einen letzten Rückzugsort suchen. Und hier finden. Mit Pferden, die ein, zwei Mal am Tag ins Sterbezimmer kommen, wenn der Gast das wünscht. Mit einer Art Wohngemeinschaft, in der die, die kaum noch stehen können, doch mit kochen, vielleicht auch nur das Rezept mit vorlesen wollen. Mit Menschen, die die Staatsanwaltschaft schickt, weil sie eben noch Opfer einer Gewalttat waren und nun vor allem eins brauchen: Geborgenheit. All das bietet dieser besondere Ort, an dem natürlich die, die hier auf Zeit leben, auch in der Rösterei, bei der Schokoladenproduktion mithelfen. Und, so langsam ahnen auch wir, dass all das, der Kaffee, die Schokolade in Stockwerk eins, nur der Finanzierung vom Leben – und Tod – in Stockwerk null dient. Frank Pape erzählt derweil Geschichten von Kindern, die auf Palliativstationen auf das Ende des Lebens warten und schreiben, dass sie einmal herkommen, einmal auf dem Pferd reiten wollen, dass ihrer Tochter wirklich alles bedeutete. Von Wasserschutzpolizisten, die zwei Kindern aus dem Hospiz ermöglichten, einmal mit einem Boot mitfahren zu dürfen – auch wenn das gegen alle Regeln sei und bitte nicht weitererzählt werden dürfe.

03 2023 HOCH5/ Nr 34 528

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