Wo das Feld voller Margeriten steht?
Besser nicht erzählen.
Dass da am Ende der Mähdrescher drüber fährt?
Besser für sich behalten. Wie das mit den Samen von Wildblumen funktioniert?
Ist mehr als erstaunlich.
Wo das Feld voller Margeriten steht?
Besser nicht erzählen.
Dass da am Ende der Mähdrescher drüber fährt?
Besser für sich behalten. Wie das mit den Samen von Wildblumen funktioniert?
Ist mehr als erstaunlich.
Wer kennt ihn schon, den Unterschied zwischen wil- den und normalen Blumen? Niemand. Könnte man meinen. Weil ja jede Blume, die zumindest in der Na- tur, am Straßenrand wächst, doch eigentlich wild sein müsste. Aber da kann Karsten Kindermann erst den Kopf nur schütteln, dann lachen. Wenn es doch nur so einfach wäre.
Wenn der 50-Jährige sehr früh morgens oder sehr spät abends sammeln geht, dann nie am Straßengra- ben, an Feldern. Weil da die Gefahr, das Risiko viel zu groß ist, dass da am Ende ausgesät wurde, was nicht in seiner Tüte, auf seinen Feldern, in seinem Unternehmen landen sollte. Und darf. Denn Karsten Kindermann, gelernter Gartenund Landschaftsgärt- ner, studierter Landschaftsarchitekt, betreibt mit sei- nem Kompagnon und Landwirt Stefan Sabbert einen Hof, der dafür zertifiziert ist, echte Wildblumen – wich- tig! – nicht zu züchten, sondern zu vermehren.
Heißt für den Laien: Karsten Kindermann braucht erst einmal von offizieller Seite eine Sammelgenehmigung. Die erste ließ ein Dreivierteljahr auf sich warten, heu- te geht das deutlich schneller, weil die Menschen in den Behörden wissen: Der Mann sammelt nicht für die Blumenvase, sondern für den Umweltund Na- turschutz. Dann zieht er vor oder nach der eigentlichen, oder besser: der anderen Arbeit los, geht auf die Su- che und findet Pflanzen, bei denen er meist nur ein paar Blätter abzupft. Von einigen Pflanzen gehen die dann ins offizielle Labor, die Genetik wird überprüft und gibt es dann das Okay, ist klar, dass es sich hier um echte Wildblumen handelt, bei denen auch die Vorfahren nie im Gewächshaus, immer draußen ge- standen haben, dann sammelt Kindermann ein biss- chen mehr und vor allem: Samen.
Wer ihn auf seinem Hof in Spenge-Wallenbrück be- sucht, sieht erst einmal ein schönes Wohnhaus, dahin- ter Gebäude, die an eine Gärtnerei erinnern. Was ja gleich zweifach nicht erstaunlich ist. Erstens war das hier früher eine Gärtnerei für Schnittblumen. Und zwei- tens ist Karsten Kindermann Gärtner. Nicht Bauer. Das ist ihm wichtig.
er noch ein paar Meter weiter spaziert, sieht kleine Plastikeimer auf dem Boden stehen. In ihnen: zwei, drei Blätter, ein handgeschriebener Notizzettel, das war es auch schon. Das ist das Ergebnis von heute morgen. Sagt Kindermann, der im Winter in einem Herforder Landschaftsarchitekturbüro arbeitet und ab Frühling genau hier. Und apropos genau: Exakt diesen Mix in seinem (Berufs)Leben will er nicht mis- sen. Jetzt aber ist schon fast Sommer, die beste Zeit, um sammeln zu gehen. Und ihn zu besuchen. Denn wenn das erste, flache Gebäude durchschritten ist, wenn es vorbeiging an Traktoren, von denen einer zwei Jahre älter als der Hausherr ist, an Mähdre- schern, die eine gute Stunde lang nach jedem Schnitt gesäubert werden müssen, damit sich die Samen von eben mit denen von gleich nicht mischen, steht man im Freien. Und schaut auf Wiesen und Beete, die man so noch nie gesehen hat.
Hierher kommt eigentlich nur Fachpublikum. Sagt Kindermann und führt vorbei an den vielen Metern Insektenhotel, die er selbst gebaut hat und auf deren Bezug nicht lange gewartet werden musste. Es gibt sogar eine Bienenart – die GlockenblumenScherenbiene – die eben genau diese eine Wildblume sucht, um überleben zu können. Und genau hier findet. Aber natürlich machen Karsten Kindermann und sein Kollege, seine Ehefrau und die Helfer das nicht (nur), um den Insekten Nahrung zu bieten. Das Ganze ist ein Geschäft. Ein auskömmliches, wie der Ostwestfale betont. Und, auch das passt, alle Wildblumen, die hier wachsen, sind echte Ostwestfalen. Das sei wichtig, denn das Erbgut soll über die Republik hinweg nicht vermischt, sondern schön getrennt werden. Heißt in der Samenvermehrung: Deutschland ist in 22 Ursprungsgebiete eingeteilt, aus jedem einzelnen geht die Ernte meist zu einem Großbetrieb in Baden-Württemberg, der reinigt sie mit Spezialmaschinen, sortiert und verkauft am Ende die Samen wieder ausschließlich in das Ursprungsgebiet, aus dem sie stammen. Klingt nicht nach Vielfalt und ist doch vielfältig gedacht. Denn nur so bleibt das erhalten, was die Natur vor Ort ausmacht. Dieser Gedanke führt sich auch bei der Vermehrung fort. Fünf Generationen lang vermehrt Karsten Kindermann, dann ist Schluss. Dann muss er wieder neu suchen, neu sammeln gehen. Damit am Ende wirklich alles aus der Natur und eben nicht aus dem Gewächshaus stammt.
Jetzt aber wächst es erst einmal. Und wie. Wer an den Feldern vorbeigeht, der staunt, dass da kein – auch Karsten Kindermann nennt das so – Unkraut, sondern nur diese eine Blume blüht. In zigfacher Aus- führung. All das: ein Ergebnis von unzähligen Stunden auf dem Feld. Mal mit dem Traktor, ganz selten auch mit der Pflanzenschutzspritze, meist aber zu Fuß, mit der Hand alles entfernend, was eben nicht diese eine Wildblume ist. Artenreinheit ist das, was ein Geschäfts geheimnis von Karsten Kindermann aus- macht. Und was am Ende auch die Kunden erfreut. Aber selbst wer hartnäckig nachfragt, bekommt bei Kindermann & Sabbert keine Saaten. Verkauft wird ausschließlich über im VWW – dem Anbauerver- band – organisierte und zertifizierte Händler. Kunden sind zum Teil auch Privatpersonen, die sich mal den Garten etwas naturnäher gestalten wollen. Vor allem aber die öffentliche Hand, Bauhöfe und auch Unter- nehmen. Denn längst ist gesetzlich vorgeschrieben, dass nur für Grünstreifen genutzt werden darf, was eben auch in der Region wild – und hier eben bei Karsten Kindermann – wächst. Zwei Sattelzüge voller Saatgut verlassen pro Jahr den Hof, nach der Reini- gung sind es gut fünf bis sechs Tonnen, die übrig bleiben. Darunter auch die Margeritensamen. Und die, die winzig sind wie Mehl. Und bei denen das Kilo am Ende mehr als 1.000 € kostet – und 1.000 Samen ge- rade mal 0,02 Gramm wiegen.
Meist aber ist die Einheit, die Karsten Kindermann in seinem Kopf hat, das Kilogramm. Auch das: mühselig zu ernten, wenn es mit der Hand durch die Felder geht. Deutlich einfacher ist es da schon für Hasen und Rehe, für die Stieglitze, die sich hier gleich in Kolonien niederlassen, um sich sattfressen zu können. Vorstel- len, seine Felder mal einzuzäunen, konnte sich Kars- ten Kindermann lange nicht. Jetzt aber schützt Eng- maschiges vor allzu hungrigen Vierbeinern. Am Ende ist dann aber doch genug für alle da, wächst der Er- trag von Jahr zu Jahr. 50 Blumenarten baut das Team aktuell an, 70 waren es bisher insgesamt, ungeschrieben und deutlich länger ist die Wunschliste all der Blumen, die sich noch vermehren könnten.
Unzufrieden? Ist Karsten Kindermann deshalb natür- lich nicht. Es läuft doch. Noch kein einziges Kilogramm Saat, das ihnen nicht abgenommen wurde. Kein Un- wetter, das die Ernte beeinflusste. Am Ende sei das doch wunderbar, Blumensamen zu sammeln, sie großzuziehen, blühend zu ziehen, zu vermehren. All das: Mit einer, so sagt er selbst, ausgewachsenen Portion Gemütlichkeit. Die gehöre einfach dazu. Zu ihm. Zur Tätigkeit. Zur Natur sowieso.
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